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DOPPELTE SPIEGELUNGEN

GOYA: GEZEICHNET UND BEDICHTET

 

Axel Kahrs

Kunst von Weltgeltung, das hat zuerst Goethe am Beispiel der Weltliteratur definiert, ist überzeitlich und überörtlich. Als Geschöpfe genialer Künstler werden sie auch noch Jahrhunderte nach ihrem Entstehen problemlos rezipiert, und obwohl sie in ihrer Aussage an bestimmte Orte gebunden sind, sprechen sie Menschen überall auf der Welt an, werden verstanden und geschätzt: Ob die Laokoongruppe der griechischen Klassik, Homers Heldenepen, die Carmina Burana oder gotische Baukunst, von Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ über Goethes „Faust“ bis zu Picassos „Guernica“ – sie alle prägen bis in die Gegenwart auch die neuen, entstehenden Werke, beeinflussen Form und Aussage in bleibender Verehrung der alten Meister oder bewußter, gewollter Distanz der Avantgarde.
So geht es auch mit dem spanischen Grafiker Francisco de Goya, dessen einzigartige, unumstrittene Meisterschaft ohne direkte Fortschreibung blieb, aber bis heute gültig ist. Besonders seine „Los Caprichos“ in Aquatinta-Technik, zu Lebzeiten des Künstlers umstritten und bedroht, sind fester Bestandteil des Kunstmarktes, sie zieren die großen Museen der Welt und vagabundieren in unzähligen Nachdrucken, Postern und Bildpostkarten durch die Souvenierläden.
Peter Marggraf sucht dagegen für die San Marco Handpresse einen anderen, kreativen Zugang zu ihnen, er sieht Goyas Caprichos im doppelten Spiegel der Grafiker und Dichter. Zu Beginn steht seine jahrelange Beschäftigung mit den 80 Grafiken, deren Figuren er mit eigenem Strich zu erfassen sucht. Insgesamt kamen 185 Sichtungen, eigenene Deutungen in Graphit aufs Papier. Es sind intime Annäherungen an Goyas Figuren, an deren Körperhaltungen, Posen, Gesten, Mienen. Immer steht dabei der Mensch, bedrängt vom Bestiarium der symbolischen Esel, Ochsen und Eulen, im Zentrum, „ecce homo“, leidend, gedemütigt, bloß.
Räumlichkeiten oder zeitgenössische Gegenstände, die Goyas Caprichos „erden“, fallen bei Peter Marggraf weg, das Allgemeingültige wird freigelegt. Manche Caprichos sind mehrfach von ihm gezeichnet, so der „Schlaf der Vernunft“, das beherrschende, unauslotbare Bild aus Goyas Serie. Man denkt bei den Nachschöpfungen der zuweilen blassen, hohläugigen, zuweilen grotesken, mystischen Köpfe aus der Vorlage an Lessings Gedanken darüber, „wie die Alten den Tod gebildet“, oder an Rilke, bei dem das „Schöne des Schrecklichen Anfang“ ist.
Marggraf, der Herausgeber der Reihe „I libri bianci“, hat eine Auswahl seiner Zeichnungen an siebzehn Autoren der Gegenwart geschickt und um einen Text für den 70. Band seiner Reihe gebeten. [Siehe den Brief auf der nächsten Seite]. Er ist mit diesem produktiven, ja fruchtbaren Verfahren in guter Gesellschaft; im Jahr 2000 erschien im zu Klampen Verlag die Sammlung
„A - N - N - A / Kurt Schwitters“, in der weit über einhundert Dichter aus 137 Ländern das berühmte „Anna Blume“-Gedicht aus ihrer Sicht neu formulierten. Und zum 100. Todestag Rilkes hat der Lyriker Jan Wagner zusammen mit Norbert Hummelt in diesem Jahr die Sammlung „Tanzt die Orange. 100 Antworten auf Rilke“ herausgegeben, in der 75 Lyriker ausgewählte Gedichte des Jubilars neu schreiben.
Das literarische Echo auf Peter Marggrafs Einladung ist – wie zu erwarten – vielfältig, polyphon, aber nicht dissonant. Der Text steht jeweils auf der linken Buchseite, auf der rechten findet man die korrespondierende Zeichnung des Herausgebers, Goya Bilder sind als Heft-Beilage dem Buch angefügt, so daß dem Betrachter und Leser die doppelte Spiegelung vor Augen steht.
Im Überblick wird die unterschiedliche Herangehensweise der Autoren deutlich. Mehrfach schlägt die Gegenwart mit Trumps Aufstieg und dem Siegeszug der digitalen Konzerne durch, mancher Poet sieht in Goyas Schreckensszenarien die eigene Schockstarre gespiegelt und spricht von „Marktmacht und Kleptokratie“ oder der „Inquisition eines Tech-Milliardärs“ (Clemens Umbricht), er vergleicht den amerikanischen Präsidenten mit dem herrschenden Monarchen aus der Goya-Zeit: „welch Inbild majestätischer Konzentration“.
Andere Texte, die mit Verrätselungen oder Umdeutungen wie dem „Ohrenbläser“-Begriff arbeiten (Michael Hillen), betonen Goyas Offenheit in der Bilderflut. Der Einzel-Titel der Caprichos, oft nur eine Wortprise, eine Wendung, dient dabei als Aufhänger. Die Lyrik überwiegt, aber auch eine streng melodisch-rhythmische Erzählprosa wie die von Heinz Kattner hält eine Art geistige Nabelschnur zum Original. Nachvollziehbar bleibt, daß Goyas berühmtestes Bild, der „Schlaf der Vernunft“, den Schwerpunkt mehrerer Gedichte liefert.
Es sind dann Oskar Ansull und Georg Oswald Cott, die die Grenzen ausloten – Cott, indem er die beängstigende Goya-Zeichnung vom anonymen Buhmann, der riesenhaft eine geduckte Mutter mit zwei entsetzten Kindern bedrängt, direkt auf sich selbst bezieht: das kommende Unheil wächst in der Panik davor ins Unermeßliche: „von irgendwo naht ein Poltern / es rüttelt an der Tür / umklammert von meinen Kindern / unerhört was wir sehen“ – und Ansull, indem er aus den „Desastres della Guerra“, einer Antikriegs- Grafikserie Goyas, den Ausruf „nada. Ello dira“ („nichts, das Ergebnis wird es zeigen“) am Ende seines Gedichtes zitiert. Es steht zum Auftakt im Buch dem Capricho Nummer 1, dem Portrait Goyas, gegenüber und bildet die Klammer zum Gesamtwerk des großen Grafikers und seines Verehrers, dem kundigen Buchmacher Peter Marggraf.



Mehr Informationen zu dem Buch "Caprichos" finden Sie hier