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I libri bianchi Band 68

Stefan Zweig
Die frühen Kränze. Gedichte
Peter Marggraf – Aus dem venezianischen Skizzenbuch


 

Evelin Eberle

Mit dem 68. Band der von Peter Marggraf in der San Marco Handpresse herausgegebenen Reihe „I libri bianchi“ erscheint ein Künstlerbuch, das Zeichnung, Dichtung und typografische Gestaltung auf poetische Weise miteinander verbindet. Der Band mit dem Titel „Die frühen Kränze“ versammelt neben den Gedichten von Stefan Zweig Skizzen, die Marggraf 2008 in Venedig angefertigt hat. Diese Zeichnungen in Graphit entstanden in einem Skizzenbuch während eines längeren Aufenthalts in der Lagunenstadt und dienten dem Künstler als unmittelbare visuelle Notizen, als atmosphärische Studien und vorbereitende Arbeiten für eine Radierfolge.
Marggrafs Arbeitsweise ist geprägt von einer intensiven Beobachtung der Wirklichkeit und einem Gespür für die stille, oft übersehene Poesie des Alltags. In Venedig, dieser von Geschichte, Verfall und Schönheit gleichermaßen geprägten Stadt, fand er eine inspirierende Umgebung, die seinen zeichnerischen Blick herausforderte und zugleich motivierte. Diese Skizzen gehen jedoch über eine bloß dokumentarische Funktion hinaus – sie sind vielmehr bereits selbständige, in sich geschlossene Werke, die durch ihre Reduktion und Klarheit eine bemerkenswerte Konzentration ausstrahlen.
Die Zeichnungen dienten Marggraf als Vorstudien für die im selben Jahr entstandene Radierfolge „Die Stille nach dem Stundenschlagen“, ausgeführt in den Tiefdrucktechniken Aquatinta und Vernis mou. Beide Verfahren erlauben subtile Nuancierungen im Tonwert sowie eine besondere Textur, die Marggrafs zeichnerischen Gestus aufgreifen und weiterführen. Die Radierungen bewahren die Stille und Kontemplation der ursprünglichen Skizzen und transformieren sie zugleich in eine andere künstlerische Sprache. Der Titel der Serie verweist auf ein Moment zwischen den Zeiten, auf ein Innehalten im Ablauf des Alltags: die wenigen Sekunden nach dem Schlagen der vollen Stunde, wenn für einen kurzen Moment der Raum still zu stehen scheint. Genau dieser Zwischenraum, dieses Verstummen des Mechanischen, wird in Marggrafs Arbeiten spürbar.
Gestalterisch ist der Band ein Beispiel für die Sorgfalt und das künstlerische Handwerk, das alle Publikationen der San Marco Handpresse auszeichnet. Gedruckt wurde das Buch auf dem Papier „Funktional“ mit einem Flächengewicht von 150 g/qm, hergestellt für der Papiermanufaktur Römerturm. Die Typografie ist in der Engen Futura gesetzt, einer sachlich-modernen Grotesk-Schrift, die in ihrer Klarheit und Präzision gut mit der ästhetischen Haltung Marggrafs korrespondiert. Die reduzierte Gestaltung des Buches unterstreicht die Zeichnungen und gibt ihnen Raum zur Entfaltung. Auch die Gedichte, die den Band begleiten, erhalten durch die typografische Zurückhaltung eine angemessene Bühne. Es handelt sich dabei um eine Auswahl von Texten, die erstmals 1906 im Leipziger Insel Verlag erschienen. Ihre Sprachmelodie und Bildhaftigkeit treten in einen subtilen Dialog mit den Bildwerken.
Die Auflage des Buches ist auf 100 Exemplare limitiert, jedes Exemplar wurde in Handarbeit gebunden. Diese Begrenzung ist nicht nur Ausdruck eines bibliophilen Anspruchs, sondern auch eine bewußte Entscheidung zugunsten der Qualität und Individualität jeder einzelnen Ausgabe. In einer Zeit der digitalen Reproduzierbarkeit und massenhaften Bilderflut setzt Marggraf damit ein Zeichen für die Bedeutung des materiellen Buches, für das sinnliche Erleben von Papier, Druck und Bindung. Das Buch als Objekt wird hier zur Kunstform.
Die Reihe „I libri bianchi“, in der dieser Band erscheint, ist ein kontinuierlich wachsendes Projekt Marggrafs, das seit vielen Jahren eine Plattform für künstlerische und literarische Begegnungen bildet. In diesen Büchern vereint sich seine Arbeit als Künstler, Verleger und Gestalter zu einer einzigen Handschrift. Die Bände dieser Reihe sind nicht einfach Träger von Inhalten, sondern bewußt gestaltete Kunstwerke, in denen Text, Bild und Buchgestaltung eine Einheit bilden. „Die frühen Kränze“ steht exemplarisch für dieses Konzept.
Die Zeichnungen selbst zeichnen sich durch eine starke Konzentration und formale Disziplin aus. Marggraf verzichtet auf Ausschmückung, setzt Linien sparsam, aber entschieden, entwickelt Flächen aus Hell-Dunkel-Kontrasten, die zugleich architektonische Tiefe und emotionale Dichte erzeugen. Man spürt beim Betrachten, daß es dem Künstler nicht um eine rein abbildhafte Wiedergabe ging, sondern um eine Verdichtung von Wahrnehmung, um das Sichtbarmachen einer inneren Resonanz. Die Wahl des Mediums Graphit trägt zur Zurückhaltung bei: Es ist ein Material, das keine Farbigkeit kennt, aber eine Vielzahl an Nuancen erlaubt – vom feinsten Grau bis zum satten Schwarz.
Im Kontext der venezianischen Szenerie gewinnen die Zeichnungen eine besondere Atmosphäre. Venedig ist hier nicht als touristisches Motiv dargestellt, sondern als Ort des Denkens und der Ruhe. All das führt den Blick des Betrachters in eine Welt der Langsamkeit, der stillen Intensität. Die Zeichnung wird zu einem Instrument des Nachdenkens – über Zeit, Raum und Vergänglichkeit.
Die begleitenden Gedichte verstärken diese Wirkung. Ihre Sprache ist gleichsam entkernt, auf Wesentliches reduziert, sie bewegen sich in einer Zeitlosigkeit, die zu den Bildern paßt. Der historische Kontext der Erstveröffentlichung im Jahr 1906 ist dabei kein Zufall: Die literarische Moderne suchte nach neuen Ausdrucksformen, nach einer anderen Sprache für die Erfahrung der Welt. Marggraf stellt seine Zeichnungen in diesen Dialog, der über ein Jahrhundert hinweg bis in unsere Gegenwart reicht.
So ist „Die frühen Kränze“ nicht nur ein zeichnerisches Skizzenbuch, sondern ein poetisches Gesamtwerk, das auf mehreren Ebenen zu lesen und zu betrachten ist. Es führt vor, wie aus dem Zusammenspiel von Sehen, Denken, Schreiben und Gestalten ein Kunstwerk entstehen kann, das zugleich leise und eindringlich ist. Der Band ist eine Einladung zur Verlangsamung, zur Betrachtung, zur Konzentration auf das Wesentliche. Und damit ein wohltuender Kontrapunkt zur Schnelllebigkeit unserer visuellen Kultur.
Peter Marggrafs Arbeit in der San Marco Handpresse ist seit Jahren geprägt von einer tiefen Verbindung zwischen Kunst und Buchkunst. Seine Publikationen zeichnen sich durch eine selten gewordene handwerkliche Präzision und eine klare künstlerische Haltung aus. In einer Zeit, in der das Buch zunehmend als rein funktionales Medium betrachtet wird, setzt er ein Zeichen für dessen künstlerisches Potenzial. Die frühen Kränze ist dafür ein beeindruckendes Beispiel: ein Werk, das zeigt, wie Zeichnung und Sprache, Papier und Typografie, Geschichte und Gegenwart zu einem Ganzen verschmelzen können.
Die Gedichte von Stefan Zweig, die diesem bibliophilen Band zugrunde liegen, stammen aus einem frühen Lyrikband der 1906 im Insel Verlag in Leipzig erschienen ist und den Beginn von Zweigs dichterischem Schaffen markiert. In einer Sprache, die stark von der ästhetischen Sensibilität des Jugendstils geprägt ist, entfalten sich hier lyrische Miniaturen von großer Musikalität und innerer Bewegung. Zweigs Verse kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Erinnerung, Jugend und das Erleben von Kunst und Natur. Sie leben von einer rhythmischen Eleganz und einem feinen Gespür für Bildlichkeit, das sie mit der graphischen Welt Peter Marggrafs in einen fast intuitiven Einklang bringt. Die Wahl genau dieses Gedichtbandes als literarische Grundlage für „Die Stille nach dem Stundenschlagen“ ist kein Zufall: Beide, Marggraf und Zweig, eint eine Vorliebe für das Leise, das Andeutende, das Zwischen-den-Zeilen-Schwebende. So treten Zeichnung und Dichtung in einen subtilen Dialog, der sich nicht in eindeutigen Bedeutungen erschöpft, sondern offen bleibt für die Assoziationen des Lesers.

 

 

Mehr Informationen zu dem Buch "Die frühen Kränze" finden Sie hier