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I libri bianchi Band 69
Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon
Ein Künstlerbuch zwischen Rebellion und
Poesie
Claudia Kantor
Im
Frühjahr 2025 erschien in der San Marco Handpresse ein neues Künstlerbuch:
„Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon“. Es vereint die
anarchischen, respektlosen und zutiefst menschlichen Gedichte des
spätmittelalterlichen französischen Dichters François Villon mit der
expressiven deutschen Übertragung von Paul Zech – in jener letzten Fassung,
die Zech 1946, kurz vor seinem Tod im argentinischen Exil, noch einmal
bearbeitet und erweitert hatte. Diese Ausgabe erscheint in der sorgfältig
kuratierten Reihe „I libri bianchi“ (Die weißen Bücher), die sich durch ihre
feine handwerkliche Ausführung, bibliophile Gestaltung und eine klar
konturierte editorische Linie auszeichnet. „I libri bianchi“ versteht sich
als eine Reihe von Künstlerbüchern in kleiner Auflage – jeweils 100
nummerierte und signierte Exemplare, fadengeheftet, handgebunden, digital
gedruckt, mit Schutzumschlag und Reproduktionen zur Bebilderung. Das Format
(15 × 23,5 cm), der Umfang (64 bis 120 Seiten) und die Papierwahl verleihen
der Edition eine ausgewogene Haptik und visuelle Eleganz. Die Villon-Ausgabe
wurde aus der Futura gesetzt, einer sachlich-modernen Schrift, die mit ihrer
klaren Linienführung einen spannenden Kontrapunkt zur wilden, oft vulgären
und zutiefst persönlichen Poesie Villons bildet. Doch warum ein
Künstlerbuch für François Villon – und warum in der deutschen Fassung von
Paul Zech? François Villon (ca. 1431 – nach 1463) war vieles – Student,
Dichter, Räuber, Totschläger, Rebell – und gilt heute als eine der ersten
modernen literarischen Stimmen Europas. Geboren wurde er vermutlich 1431 in
Paris, im Jahr der Hinrichtung Jeanne d’Arcs. Früh verwaist, wurde er von
einem Priester aufgenommen und im Pariser Quartier Latin großgezogen. Er
studierte an der Sorbonne, verkehrte aber bald in den Kreisen von fahrenden
Schülern, Bettlern, Dirnen und Kleinkriminellen. 1455 erstach er im Streit
einen Geistlichen, wurde begnadigt, brach aber kurz darauf in eine Kirche
ein. Immer wieder auf der Flucht, mehrfach eingesperrt, schließlich 1463 aus
Paris verbannt – danach verliert sich seine Spur. Seine Dichtung, vor
allem die „Große Testament“- (Le Grand Testament) und die „Kleinen
Testament“-Balladen, ist geprägt von beißendem Witz, Lebenshunger,
Melancholie, Obszönität und einer tiefen Sehnsucht nach Erlösung. Villon
schreibt aus der Perspektive eines Menschen am Rand der Gesellschaft – mit
vollem Bewußtsein über die eigene Vergänglichkeit. Er verspottet Reiche und
Geistliche, erinnert an Hingerichtete, Huren und arme Trinker. Und doch
findet sich in seinen Versen auch Zärtlichkeit, Trauer, Nachdenklichkeit –
eine existenzielle Tiefe, die Jahrhunderte später Dichter wie Rimbaud,
Verlaine, Brecht und Ezra Pound faszinierte. Seine Balladen sind
kunstvoll gebaut, voll komplexer Reime und Metren, durchzogen von
spätmittelalterlichem Französisch, gespickt mit Slang und Sprachspiel –
schwer zu fassen, zu übersetzen, zu „besitzen“. Und genau hierin liegt die
Herausforderung – und die Leistung von Paul Zech. Paul Zech (1881–1946)
war selbst eine schillernde Figur: geboren im west- preußischen Briesen,
später als Lyriker, Dramatiker, Essayist und Übersetzer in Berlin aktiv,
galt er in den 1920er-Jahren als produktiver Schriftsteller mit
expressionistischem Einschlag. Zech hinterließ rund 30 Lyrikbände, über 20
Prosa-Sammlungen, zahlreiche Theaterstücke, Essays und – für die Nachwelt
besonders wichtig – Hunderte von Nachdichtungen, u.a. aus dem Französischen,
Spanischen, Polnischen und Englischen. Seine Nachdichtung von Villons
Werk, entstanden ab den 1920er-Jahren und letztmals überarbeitet im Jahr
1946, ist keine philologisch genaue Übersetzung, sondern eine poetische
Aneignung – ein künstlerisches Gegenüber. Zech sprach kaum Altfranzösisch,
seine Französischkenntnisse waren begrenzt. Und doch schuf er eine Version
Villons, die kraftvoll, direkt, wütend, zärtlich und zutiefst persönlich
ist. Die berühmte Zeile „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, die Klaus
Kinski später zur Legende machte, stammt nicht von Villon – sie ist eine
Schöpfung Zechs. Auch viele weitere Verse, etwa aus der „Verliebten Ballade
für ein Mädchen namens Yssabeau“, entbehren jeder Vorlage im Original. Und
dennoch – oder gerade deshalb – gelten Zechs Nachdichtungen heute als
kongeniale Bearbeitungen, die mehr über das 20. Jahrhundert als über das 15.
aussagen, und doch beide Zeiten zugleich erfahrbar machen. Paul Zech war
selbst ein Verfolgter: Sozialist, später Emigrant, gezeichnet von
finanzieller Not und innerer Zerrissenheit. In Villon fand er einen Bruder
im Geiste – einen Dichter, der am Rand der Gesellschaft lebte, sich weder
beugen noch bessern ließ, und dessen Lyrik dennoch überdauerte.
Zeilsicher führt dieses Künstlerbuch durch die „Balladen und lasterhaften
Lieder“, deren Schönheit und Wucht in Zechs Sprache neu aufblüht.
Gleichzeitig ist es ein stilles Denkmal für zwei radikale Außenseiter der
Literaturgeschichte – und ein Plädoyer für das handgemachte, sinnlich
erfahrbare Buch als künstlerisches Medium. “I libri bianchi“ ist damit
nicht nur eine Reihe für Sammler, sondern für alle, die Bücher als Kunstform
ernst nehmen – und Poesie, die nicht glatt ist, sondern schneidet, kratzt,
beißt und berührt. „Die lasterhaften Balladen und Lieder des François
Villon“ ist eine Brücke – zwischen den Jahrhunderten, zwischen Frankreich
und Deutschland, zwischen dem Subversiven und dem Schönen, zwischen der
Literatur des Randes und der Buchkunst der Mitte. Es führt zwei Dichter
zusammen, die sich nie begegnet sind, aber einander tief verbunden sind:
François Villon, der „Poète maudit“ des 15. Jahrhunderts, und Paul Zech, der
Expressionist, Träumer, Grenzgänger des 20. Jahrhunderts.
Mehr Informationen zu dem Buch "Die lasterhaften
Balladen des Francois Villon" finden Sie hier
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