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Bert Strebe
VOR TAU UND TAG
Sabine Göttel
Wenn es stimmt, daß Poesie Wirklichkeit nicht abbildet,
sondern erschafft – dann stellt Bert Strebe als eine Art poetischer
Alchimist die Stoffe dafür bereit. Die 32 Gedichte seines neuen Lyrikbandes
vor tau und tag, den Peter Marggraf als Band 63 der Reihe I libri bianchi
verlegt und mit acht Bildhauerzeichnungen aus seinem Bestand versehen hat,
sind durchzogen von Begriffen mit elementarer Kraft, wie „atem augen hände
herz sonne meer und schnee“ (in einem winkel). Von Kapitel zu Kapitel, von
Text zu Text wächst auf diese Weise ein dichtes Gewebe aus poetischen
Motiven heran, in dem sich die Geschichten entfalten, die der Dichter
erzählt. Aufeinander bezogen, sich durchdringend und sich gegenseitig mit
Magie aufladend, ist Verwandlung ihr gemeinsames Prinzip. – schraffuren
ist der erste Zyklus des Bandes überschrieben. Und gleich ist damit die Nähe
angedeutet, die die Werke des schreibenden und die des bildenden Künstlers
in diesem Band ausmacht. „wir waren bloß schraffiert erinnerst du dich“,
lautet eine Zeile aus dem Gedicht eine zeile, das Bert Strebe seinem
Dichter-Freund Max Sessner gewidmet hat. Das Angedeutete, Skizzenhafte, im
Unscharfen Bleibende der erinnerten Situation – wie gut kann man es auf die
Zeichnungen Peter Marggrafs übertragen! Im Jahr 1976 stellte und legte
dieser lebensgroße Figuren aus Gips in weiße Holzkisten und fertigte
Graphitzeichnungen zum Thema Vor der Morgendämmerung und Im Nebel gehen an.
Eine Auswahl dieser Arbeiten ist nun auf dem Titel, als Frontispiz und
gebündelt im letzten Teil des Buchs erstmals zu sehen. Die Wände der Kisten
denkt man sich halbtransparent, so daß sich die darin befindlichen Figuren
als Schatten abzeichnen – größere und kleinere dynamisch schraffierte
Flächen, die die Form ändern, sich von allen Seiten her ausbreiten und in
den Raum wuchern, der nur ein gedachter, ein erfühlter ist. Trotz der
Unschärfe behaupten die Körper ihren Platz, leuchten selbstbewusst aus den
Quadern hervor. Diese Dynamik von Verbergen und Enthüllen, dieser
schwarzweiße Raum zwischen Ahnen und Wissen, Licht und Dunkel korrespondiert
mit Strebes poetischer Un-Zeit, die er in vor tau und tag beschwört. „und so
wurden fluss schilf erde und himmel / dunkel und hell und dunkel und hell“,
heißt es in schilfwald, einer südfranzösisch inspirierten Variante der
Genesis. Darin wartet Gott „in der zeit bevor es die zeit gab“ so lange, bis
seine Haare weiß werden: „jedes einzelne haar brauchte dafür licht und
schatten / und schatten und licht und licht und schatten“. Doch es ist das
Schweigen, das seine Autorität schließlich stärkt: „und er setzt sich und
alles verwandelt sich / in luft und stein und es ist still“. Strebe
verwendet konsequent die Kleinschreibung, verzichtet auf Interpunktion und
Reim. So entgeht er jedem Verdacht auf Gefälligkeit. Doch kryptisch oder
bewusst verrätselt sind diese Gedichte nicht. Oft gehen sie von einer
konkreten, dem Alltag entnommenen Beobachtung aus, die dann ins Surreale,
Wunderbare, kippt. So etwa im Text himmelsfalter, ebenfalls aus dem Zyklus
schraffuren. Er beginnt alltäglich-banal – „als ich neulich quittungen
sortiert habe / für die steuererklärung fürs vergangene jahr / fiel mir ein
beleg in die hände ein cafébesuch zwölf euro zehn“ – und erzählt schließlich
von einer Ausnahmesituation: den letzten Stunden der sterbenden Mutter.
Nachdem sie sich von ihrem Sohn verabschiedet hat, durchläuft ein Zittern
ihren Körper:
„es begann an den füßen und als es ihre stirn
erreichte schwirrten tausend blaue himmelsfalter durch den raum es
dauerte bis sie sich niederließen auf der bettdecke auf dem wecker auf
dem hörgeräteetui“
Die himmelsfalter lassen sich auch auf den Köpfen
und Schultern der munter schwatzenden Besucher nieder – allesamt Geister von
Verstorbenen. Auch sie sind nur für das lyrische Ich sichtbar, das sich der
Bedrängnis schließlich ruckartig entledigt: „und endlich sprang ich hoch und
stürzte zum fenster / und riss es auf so weit es ging“. Wir erinnern uns,
daß ‚psyche‘ das altgriechische Wort für Seele ist, aber auch für
Schmetterling. Stehen die himmelsfalter für die im Augenblick des Todes aus
dem Körper entweichende Seele? Oder sind es Metaphern für den poetischen
Blick, das magische Vermögen der Poeten? Dichterin Ulrike Draesner: „Ich
schreibe, um hörbar zu machen, in Sprache zu übersetzen, was gemeinhin nicht
gesprochen wird, nicht sprechbar scheint.“ Daß sich das Wunderbare
ereignet, ist allgemein ein Kennzeichen des Märchens: Gegenstände werden
lebendig, Tiere sprechen, Menschen verwandeln sich in Tiere und umgekehrt.
In Gesprächen weist der Autor des Öfteren auf die Prägung hin, die er als
Kind durch das Märchen-Vorlesen seiner Eltern erhielt. Und tatsächlich
grundiert ein dem Märchen verwandter Ton, der immer wieder mit heutigen
Themen aufgeladen und dadurch gebrochen wird, seine Texte. Vor einiger Zeit
reiste Bert Strebe durch die USA. Er brachte von dieser Reise 130
Fotografien und sechs Gedichte mit, die er letztes Jahr unter dem Titel To
Look For America veröffentlichte. In vor tau und tag sind die Texte im
zweiten Zyklus als die amerikanischen gedichte noch einmal versammelt. Und
obwohl es das Kapitel ist, das der harten Realität den größten Raum läßt, ja
sogar mit sozialkritischen Tönen aufwartet –
„sie sind die spinner
die durchgedrehten die um die man einen bogen macht die in skid row
unter den planen hausen sie sind abschaum aussatz sie sind wir“ (die
kinder – Los Angeles)
– scheint auch hinter dem realen Elend das
Gesetz des Märchens auf:
„dies ist der ort wo sich kurz nach
mitternacht die trostlosen sammeln um still zu sein und um noch nicht
zu sterben
neben der tür halb hinter dem klingelschild steckt ein
zettel mit einem namen
ich lese ihn laut es ist meiner (spieglein
spieglein – New York)
Von Stofflichkeit habe ich gesprochen und von
Verwandlung: Wie Mythos und Märchen findet Bert Strebe in der Sprache Wege,
das Unsagbare sagbar zu machen. Er tut es, indem er sich auf das Elementare
konzentriert, das uns allen als Sinnlich-Erfahrbares zur Verfügung steht:
Feuer, Erde, Wasser, Luft. Poetische Tiefstapelei? Keineswegs. Denn diesen
Stoffen gesteht er die Fähigkeit zur Verwandlung zu. Sie laden sich
magnetisch auf und verbinden sich zu eigengesetzlichen Welten. Dort wird
Gefühltes, Erdachtes auf neue Art (mit)teilbar: „jetzt sind die möwen aus
marmor die krähen aus stroh / die leute hier hat gott aus gräten
geschnitten“, heißt es im Städtegedicht herbstzeitlos. Und weiter: „ich bin
eisen / ich trage einen mantel aus rost“. Oder: „du trägst ein kleid aus den
blättern der zimmerlinde“ (vor tau und tag). „wenn du lächelst bricht ein
stück vom schmerz und schmilzt / wenn du lachst / bist du aus licht“ (in
meinen augen bist du schön): Wie von Liebe und Glück, Verlust und Tod
sprechen, ohne deren Komplexität und Janusköpfigkeit zu verschweigen? Die
Zyklen von dir, von mir und die sanfte nacht sind die Kapitel der
Beziehungen, der Seelenereignisse. Strebe geht darin ins Gespräch, in den
inneren Dialog. Die Mehrzahl der Texte versieht er mit Widmungen, so etwa:
für dich, für unsere eltern, für unsere kinder, für den hund; für den
bussard, der am morgen des 25. Juli 2015 auf der umgestürzten eiche im
warper wald saß (ja: Über die Seele der Tiere, speziell die von Hunden als
magischen Begleittieren läßt sich mit dem Autor trefflich philosophieren).
Diese Gedichte – autobiografisch grundiert und „ich“ sagend, aber die Welt
meinend – erzählen von Zurückweisung und Annäherung, von Verweigern und
Gewähren, von Einsamkeit und inniger Zweisamkeit, vom Aufgehobensein im
anderen. Ihr Grundton ist sanft, „die schafwolldecke liegt bereit“ (für
dich). Doch fordert immer wieder auch etwas Dunkles, Zerstörerisches sein
Recht – etwa im splatterhaften das fenster, einem meiner Favoriten aus dem
Band. Ein Paar sucht sich in seinen Gefühlen füreinander zurechtzufinden und
wird von seinen Gespenstern heimgesucht, jeder für sich. Dieser schmerzhafte
Vorgang geht bis in die Zergliederung und mühsame Neuordnung der Körper
hinein:
„und jetzt bist du unsicher dieses teil hier mit der aorta
gehörte das links hin oder halb links eher hinten eher vorn
oder hier
die pulmonalklappe muss man sie aufstecken einschrauben ich schaue dir zu
wie du probierst wie du schiebst
mitunter bleibt ein stück übrig das
nirgendwo passt dann wird der tag mühsam ständig schweift der atem ab“
Trotz aller Zartheit und Melancholie, trotz aller funkelnden Metaphorik
findet Bert Strebe auch harte, offene Worte. Vor allem geht er schonungslos
mit seinem lyrischen Ich ins Gericht: Vom Verschwinden in Dunkelheit und
Scham ist die Rede, von Bitternis, von Gift im Blut. Aber dann werden wir,
vor tau und tag lesend, Zeugen davon, wie sich die Energie des Schmerzes in
poetische Kraft verwandelt, die das Überleben sichert: „mein herz ist ein
korb aus wasser geflochten / gefüllt mit stickstoff und graphit“
(herbstzeitlos). Seinem opus magnum, einem Langgedicht mit dem Titel als das
wünschen noch geholfen hat, hat der Dichter ein eigenes Kapitel gewidmet –
das fünfte und letzte in dieser Sammlung. Es ist eine märchenhafte Saga um
ein transgenerationales Trauma, eine mythisch aufgeladene, anrührende
Lebensbeichte über Verlust und Schmerz, Tod und Wiederauferstehung in
Sprache – und eine Ode an die Zuversicht, allen Verwerfungen zum Trotz: „und
als alles getan war verneigte ich mich / und dankte dafür / dass das
wünschen hilft“.
Mehr Informationen zu dem
Buch "Vor Tau und Tag" finden Sie hier
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