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Novalis
der Universalromantiker

 

Evelin Eberle

Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns und nirgends ist die Ewigkeit.“ Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter den Namen Novalis gab, gilt bis heute als eine der strahlendsten Gestalten der Frühromantik. Sein Werk verbindet Philosophie, Dichtung, Naturwissenschaft, Mystik und Lebenskunst in einer Weise, die ihn zum Idealtypus des „Universalromantikers“ macht. Die blaue Blume – sein bekanntestes poetisches Symbol – wurde zur Chiffre für das romantische Streben nach dem Unendlichen, nach einer tieferen, verborgenen Wirklichkeit hinter den Erscheinungen der Welt.
Novalis wurde am 2. Mai 1772 auf dem Gut Oberwiederstedt in Sachsen-Anhalt geboren. Seine Familie gehörte zum sächsischen Landadel, seine Kindheit war geprägt von einer pietistisch geprägten Religiosität. Früh zeigte er eine ungewöhnliche geistige Spannweite: Neben Literatur und Philosophie interessierten ihn auch die
exakten Wissenschaften. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Jena, Leipzig und Wittenberg nahm er eine Tätigkeit im Berg- und Salinenwesen auf, ergänzte sein Wissen durch naturwissenschaftliche Studien in Freiberg und widmete sich zugleich intensiv der Philosophie Fichtes und der Dichtung.
Diese Doppelrolle – Beamter im technischen Staatsdienst und visionärer Poet – prägte sein Selbstverständnis. Für Novalis war der Dichter nicht nur ein Ästhet, sondern auch ein geistiger Forscher, der die „innere Geographie“ der Seele kartographiert.
Das Pseudonym „Novalis“ entstammt dem Lateinischen novalis, „Neuland rodend“. Es verweist auf den Anspruch, geistiges Neuland zu erschließen. Dieses Neuland war für ihn kein geografischer Ort, sondern ein innerer Kontinent: das Reich des Geistes, der Träume und der Sehnsucht. Sein berühmter Gedanke – „Wir träumen von Reisen durchs Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns?“ – verdeutlicht den romantischen Perspektivwechsel. Die äußere Erkundung tritt zurück zugunsten einer Reise ins Innere, wo Vergangenheit, Zukunft und Ewigkeit zu finden sind.
Berühmt wurde Novalis vor allem durch eine Szene aus dem unvollendeten Roman „Heinrich von Ofterdingen“, in der der Protagonist eine geheimnisvolle, leuchtend blaue Blume erblickt: „Was ihn mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstliche Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit.“
Diese blaue Blume wurde zum zentralen Symbol der Romantik. Sie steht für das Streben nach einer höheren, nicht vollständig erfaßbaren Wirklichkeit, für Sehnsucht, Schönheit und das unstillbare Verlangen, das Alltägliche zu transzendieren. Sie ist ein Bild für den Weg des Dichters – und vielleicht auch für den Lebensweg Novalis’ selbst.
1798 veröffentlichte Novalis in der Zeitschrift Athenäum die Aphorismensammlung „Blütenstaub“. Dort formulierte er Sätze wie: „Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge.“ Hier zeigt sich sein Grundanliegen: die Trennung von Endlichem und Unendlichem, Natur und Geist, Wissenschaft und Poesie aufzuheben. Gemeinsam mit den Jenaer Frühromantikern um Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck entwarf er das Programm einer „progressiven Universalpoesie“ – einer Kunstform, die alles mit allem verbinden sollte.
Für Novalis war die Natur kein bloßer Mechanismus, sondern ein beseeltes Ganzes, „eine Äolsharfe“, deren Töne Resonanzen in der menschlichen Seele hervorrufen. Seine Poetik zielte auf eine „Romantisierung der Welt“, das heißt, die Wirklichkeit zu verzaubern und in ein poetisches Licht zu tauchen.
Einen besonders tiefen Einblick in Novalis’ Seelenleben geben die Hymnen an die Nacht (1799/1800). Sie entstanden unter dem Eindruck des frühen Todes seiner Verlobten Sophie von Kühn, die er mit nur 12 Jahren kennenlernte und mit 15 Jahren verlor. Dieser Verlust prägte ihn zutiefst.
Die Hymnen sind eine Folge von sechs poetisch-prosaischen Texten, die zwischen religiöser Vision, Liebeselegie und Todessehnsucht oszillieren. Die Nacht erscheint nicht als düstere Bedrohung, sondern als Tor zur Ewigkeit, als Reich der Vereinigung mit dem Geliebten und mit Gott. Sie bietet Erlösung von der zersplitterten Tagwelt, in der die Einheit von Mensch, Natur und Göttlichem verloren gegangen ist.
Die Sprache der Hymnen verbindet christliche Symbolik, mystische Erfahrung und romantische Imagination. Novalis’ Todessehnsucht wird dabei nicht zu einer nihilistischen Haltung, sondern zu einer Verheißung der Vollendung. Die Hymnen an die Nacht sind nicht nur ein persönliches Trauergedicht, sondern auch ein poetisches Schlüsselwerk zur Symbolik der Frühromantik. Die Gegenüberstellung von Tag und Nacht ist hier nicht bloß eine atmosphärische Stimmungsmalerei, sondern eine fundamentale Polarität: Der Tag steht für die Welt der sinnlichen Wahrnehmung, der Klarheit und Ordnung – aber auch für Begrenzung, Trennung und Vergänglichkeit. Er ist die Welt der Vernunft, der „aufgeklärten“ Realität, die das Unsichtbare ausblendet. Die Nacht hingegen erscheint als Sphäre der Verborgenheit, des Unendlichen und der inneren Vereinigung. Sie überwindet die Grenzen des Tagesbewußtseins und öffnet das Tor zum Transzendenten.
Für Novalis ist der Tod in dieser Symbolik nicht das Ende, sondern der Durchgang zu einer höheren Existenzform. Die Nacht „heilt“ die Trennung zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, indem sie beide in einer ewigen Einheit aufgehen läßt.
In der gesamten Romantik spielt diese Polarität eine zentrale Rolle. Dichter wie Tieck, Brentano oder Eichendorff greifen das Spannungsverhältnis von Tag und Nacht immer wieder auf, um den Bruch zwischen rationaler Weltordnung und innerem Sehnen zu thematisieren. Bei Novalis jedoch erreicht diese Symbolik eine mystische Intensität: Die Nacht ist nicht nur Projektionsfläche der Sehnsucht, sondern der eigentliche Ursprungsraum des Lebens.
Damit verkörpern die Hymnen an die Nacht das romantische Grundanliegen, Gegensätze nicht zu verneinen, sondern in einer höheren Einheit zu versöhnen – ganz im Sinne von Novalis’ Programm, die Welt zu „romantisieren“ und das Endliche im Unendlichen aufzuheben.
Novalis war ein Universalromantiker im umfassendsten Sinn. Jurist, Naturwissenschaftler, Philosoph, Mystiker und Poet – er verkörperte das Ideal einer schöpferischen Ganzheit, die in der Romantik angestrebt, aber selten so konsequent gelebt wurde. Seine Hymnen an die Nacht und geistlichen Lieder, sein Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ und seine Aphorismen sind bis heute Schlüsseltexte für das Verständnis der romantischen Bewegung.
Mit der blauen Blume hat er ein Bild geschaffen, das den Kern der Romantik verdichtet: die unstillbare Sehnsucht nach einer Welt, in der das Sichtbare und das Unsichtbare, das Endliche und das Unendliche wieder eins werden.


 

Novalis. Hymnen an die Nacht - Geistliche Lieder. Peter Marggraf. Aus ndem Skizzenbuch