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Immer wieder Werther
Goethes
leidender Held – und der Bildhauer Peter Marggraf schenkt ihm ein neues
Gesicht
Stefan Bergan
Von der Schulbank aus betrachtet, ist er oft ein zäher
Brocken: ein empfindsamer Jüngling, der in langen Briefen seine unglückliche
Liebe beklagt, sich immer weiter in Weltschmerz hineinschreibt – und am Ende
den Tod sucht. „Die Leiden des jungen Werther“, erschienen 1774, war und ist
für viele Schüler eine Pflichtlektüre, die sich, nun ja, eher wie Pflicht
als wie Lust anfühlt. Und doch ist es ein Werk, das Literaturgeschichte
geschrieben hat – und das bis heute inspiriert. Der Beweis liegt im letzten
Winter in einer kleinen, bibliophilen Handpresse in Bordenau: Dort hat der
Bildhauer, Peter Marggraf eine neue Ausgabe des „Werther“ geschaffen.
Diese Ausgabe ist kein Taschenbuch zum schnellen Durchblättern. Es ist ein
Kunstobjekt, entstanden in der San Marco Handpresse, gedruckt auf feinstem
Papier, gebunden in Handarbeit, limitiert auf gerade einmal hundert
Exemplare. Marggraf hat den Roman mit großformatigen Grafitzeichnungen
versehen, die er mit einem zarten, melancholischen Blau aquarelliert hat –
eine Farbe, die Werthers berühmter blauer Rock mit gelber Weste schon vor
250 Jahren zum Symbol machte. Damit schlägt Marggraf eine Brücke zwischen
zwei Jahrhunderten: zwischen dem Europa der Aufklärung, das den empfindsamen
Helden wie eine Naturgewalt über sich ergehen ließ, und einer Gegenwart, in
der literarische Figuren vor allem dann zum Leben erwachen, wenn man sie neu
inszeniert. Marggrafs Bilder nehmen den Tonfall des Romans auf – sie sind
zugleich intim, fragil und voller innerer Spannung, ganz wie Werther selbst.
Als Goethe den Werther schrieb, war er gerade 24 Jahre alt, frisch bekannt
geworden durch sein Drama „Götz von Berlichingen“. Die Form des Briefromans
war damals nicht neu – Samuel Richardsons „Pamela und Clarissa“ hatten
bereits Maßstäbe gesetzt –, doch Goethe sprengte Konventionen. Er ließ
seinen Helden mit einer Unmittelbarkeit sprechen, die sich für die Zeit
unerhört las: roh, leidenschaftlich, subjektiv bis ins Extrem. Das
Publikum reagierte wie elektrisiert. Innerhalb weniger Jahre kursierten
Werther-Ausgaben in ganz Europa. Übersetzungen ins Französische,
Italienische und Englische folgten rasch. Es entstanden Fanartikel – Tassen,
Tabaksdosen, Schatullen –, junge Männer kleideten sich im „Werther-Look“ und
flanierten in blauen Röcken mit gelben Westen. Man könnte sagen: Werther war
der erste Popstar der europäischen Literatur. Der Ruhm hatte auch eine
dunkle Seite. Der Selbstmord des Helden löste hitzige Debatten aus.
Moralhüter warnten vor Nachahmung. In manchen Regionen wurde das Buch
verboten. Der sogenannte „Werther-Effekt“ – der statistische Zusammenhang
zwischen medialen Suiziddarstellungen und Nachahmung – erhielt hier seinen
Namen. Goethe selbst hielt sich später auf Distanz zu diesem frühen Werk,
bezeichnete es halb spöttisch als „ein Skelett von jener Krankheit“. 250
Jahre später ist der Werther längst fester Bestandteil des literarischen
Kanons. Aber wer heute eine elfte Klasse in Deutschland betritt, trifft
selten auf jugendliche Begeisterung. „Wir sind in einem Paradigmenwechsel:
Die Schüler haben immer mehr Distanz zu Büchern“, sagt Mario Leis, Autor des
Reclam-Lektüreschlüssels für den Werther. Die Sprache, einst Goethes
schärfste Waffe, ist heute für viele das größte Hindernis. Anne
Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Frankfurter Goethe-Hauses, bringt es auf
den Punkt: „Die Sprache war damals auch ein Grund für den ungeheuren Erfolg
des Romans, inzwischen hat sich diese aber deutlich von uns entfernt und
zündet nicht mehr so leicht.“ Werthers emotional aufgeladene Briefe, seine
schwärmerische Natur- und Gefühlsbeschreibung, wirken aus heutiger Sicht
mitunter pathetisch. Und doch bleibt das Werk ein Lehrstück in Sachen
Epochencharakter: Als Paradebeispiel für den Sturm und Drang, für
jugendliche Rebellion gegen gesellschaftliche Normen, für den Konflikt
zwischen Individuum und Weltordnung. Die bayerische Schulbehörde empfiehlt
es weiterhin, auch andere Bundesländer führen es auf Listen möglicher
Schullektüren. Werther war nie nur eine Figur. Goethe verarbeitete eigene
Erfahrungen – seine unglückliche Liebe zu Charlotte Buff, verlobt mit einem
anderen, und den Selbstmord des Juristen Karl Wilhelm Jerusalem, den er
persönlich kannte. Es ist diese Mischung aus biografischer Authentizität und
literarischer Stilisierung, die den Roman bis heute fesselnd macht. Werther
spricht nicht wie ein distanzierter Erzähler, sondern wie jemand, der mitten
in seiner Leidenschaft verbrennt. Bohnenkamp-Renken nennt es eine
„wahnsinnige Verflechtung“ von Erlebtem und Ersonnenem. Goethe habe eigene
Gefühle literarisch radikalisiert – und dadurch einen Ton getroffen, der
zeitlos wirkt, selbst wenn die sprachliche Form altert. In diese lange
Wirkungsgeschichte schreibt sich nun Peter Marggraf ein – allerdings nicht
mit einer neuen Interpretation des Textes, sondern mit einer Neuinszenierung
als Buchkunstwerk. Marggrafs Werther ist ein Objekt, das sich schon durch
seine Materialität dem schnellen Konsum verweigert: Gedruckt auf 150 g/qm
Werkdruckpapier der Firma Römerturm. Gesetzt aus der Palatino, deren klare
Linien dem Text eine unaufdringliche Eleganz verleihen. Bebildert mit 35 ×
60 cm großen Grafitzeichnungen, deren Konturen von einem lasierenden Blau
durchzogen sind. In Handarbeit fadengeheftet und in einer Auflage von nur
100 numerierten Exemplaren gebunden. Diese Illustrationen sind keine
schmückenden Vignetten. Sie greifen Stimmungen auf, lassen das Papier an
manchen Stellen atmen, an anderen von Linien und Farbflächen beben.
Marggrafs Blau ist nicht das kalte, distanzierte Blau des Himmels, sondern
das warme, melancholische Blau eines Abendlichts, das über einer Landschaft
liegt – oder über einem Gesicht, das im Schatten versinkt. Bleibt die
Frage, ob man den Werther heute noch lesen sollte. Die Antwort hängt davon
ab, wie man „lesen“ versteht. Als historische Pflichtlektüre? Ja, weil
der Roman ein Schlüsseltext des Sturm und Drang ist, weil er eine ganze
Epoche definiert hat, weil er in Literatur- und Kulturgeschichte Spuren
hinterlassen hat. Als zeitgenössische Erfahrung? Ja, wenn man bereit ist,
sich auf die emotionale Direktheit einzulassen. Werther ist in seiner
Kompromißlosigkeit ein Vorläufer moderner Antihelden. Als Kunstobjekt?
Unbedingt, wenn es in einer Form wie bei Marggraf erscheint. Dann ist die
Lektüre nicht nur geistige, sondern auch ästhetische Erfahrung. Goethes
Werther ist kein einfaches Buch. Er fordert Geduld, ein Gespür für
Zwischentöne und die Bereitschaft, sich in eine Welt zu begeben, in der
Gefühle nicht durch Ironie gebrochen werden. Aber vielleicht liegt gerade
darin seine Modernität. In einer Zeit, die oft distanziert und zynisch auf
alles blickt, kann Werther wie ein radikaler Gegenentwurf wirken:
ungeschützt, verletzlich, absolut. Daß der Roman 250 Jahre nach seiner
Entstehung noch immer in Schulen gelesen, in Verlagen verkauft und von
Künstlern wie Peter Marggraf neu gestaltet wird, spricht für seine
Lebenskraft. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus historischer Ferne
und emotionaler Nähe, die den Werther unsterblich macht. Und wer das
Glück hat, eines der hundert Exemplare aus Marggrafs Hand zu besitzen, hält
nicht nur ein Stück Literaturgeschichte in Händen – sondern auch ein
Kunstwerk, das den Werther aus dem Staub der Pflichtlektüre befreit und ihn
in das Licht einer Gegenwart stellt, die manchmal vergißt, daß große Gefühle
nicht aus der Mode kommen.
Mehr Informationen zu dem
Buch "Die Leiden des jungen Werther" finden Sie hier
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