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I libri bianchi Band 65
Ein Aufschrei gegen das Vergessen
Peter Marggrafs Künstlerbuch „Albert Ehrenstein. Briefe an Gott“

 

Frederich Grünemann

Albert Ehrenstein. Briefe an Gott“. Der Künstler, Buchgestalter und Bildhauer Peter Marggraf hat dieses Werk im Herbst 2024 in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren in Handarbeit produziert. Es ist eine Hommage an den expressionistischen Dichter Albert Ehrenstein – und zugleich ein künstlerisches Statement für das gedruckte Buch als Kulturgut. Gedruckt wurde das Buch auf 150 g/qm schwerem „Funktional“-Papier der Traditionsfirma Römerturm. Der Satz erfolgte in der klaren, modernen Helvetica, die einen interessanten Kontrast zur expressiven Sprache Ehrensteins bildet. Der Text selbst folgt der 1922 bei Waldheim erschienenen Originalausgabe – ein bewußtes Rückgreifen auf die frühe Rezeption des Dichters.
Doch es ist nicht nur der Text, der dieses Buch zu einem besonderen Objekt macht. Marggraf ergänzt das Werk um elf großformatige Acrylpinselzeichnungen, die er im Sommer 2024 unter dem Serientitel „Gott, Du entsetzlicher Mensch“ schuf. Die originalen Zeichnungen, ausgeführt in schwarzer Acrylfarbe auf 65 x 90 cm großen Papierbögen, wurden für das Buch reproduziert – nicht als bloße Illustration, sondern als eigenständige visuelle Interpretationen Ehrensteins radikaler Poesie.
Die neue Ehrenstein-Ausgabe erscheint im Rahmen der Reihe „I libri bianchi“, einer Sammlung bibliophiler Bücher, die der Bildhauer seit Jahren in Bordenau produziert. Mittlerweile sind über 70 Titel erschienen. Jedes Exemplar wird mit Laserdruck gedruckt, fadengeheftet und von Hand gebunden. Die Bücher messen 15 x 23,5 cm, umfassen in der Regel zwischen 64 und 120 Seiten und sind jeweils auf 100 Stück limitiert, numeriert und signiert.
Was die Bücher eint, ist ihre kompromisslose handwerkliche Qualität und ihre künstlerische Vision. Marggraf illustriert die Werke mit eigenen Radierungen, Zeichnungen oder Fotos von Plastiken – immer in respektvollem Dialog mit dem Text, nie als bloße Verzierung.
Mit der Wiederveröffentlichung von „Briefe an Gott“ lenkt Peter Marggraf den Blick zurück auf einen der bedeutendsten, doch heute weitgehend vergessenen Autoren des literarischen Expressionismus. Albert Ehrenstein (1886–1950), Sohn jüdischer Eltern aus Wien, war eine kompromißlose Stimme der Moderne – ein Dichter der Verzweiflung, ein Mahner, ein Visionär. Schon früh wurde sein Werk in Zeitschriften wie „Die Fackel“, „Der Sturm“ und „Die Aktion“ publiziert. Seine enge Verbindung zum Künstler Oskar Kokoschka und seine Freundschaften mit Karl Kraus und Arthur Schnitzler machten ihn zu einem wichtigen Teil der literarischen Szene vor dem Ersten Weltkrieg.
Doch Ehrensteins Karriere war von Brüchen geprägt. Die Emigration, erst in die Schweiz, dann in die USA, zerstörte seinen Wirkungskreis. In New York, nach Jahren im Exil, verarmte und vereinsamt, starb er 1950 – vergessen von der literarischen Öffentlichkeit.
In „Briefe an Gott“, jenen prosaischen Gedichten, die 1922 erschienen, verdichtet sich Ehrensteins Erfahrung von Ausgrenzung, Zorn und metaphysischer Einsamkeit. Er schreibt mit dem Pathos eines Ausgestoßenen, der zugleich das große Ganze sieht:
„Ich bin der Wanderer, der ausgestoßen ist aus allen Sippen,
ich bin der Freie, ich bin der Wilderer, der ewige Fremdling,
der frei in der Luft schwebt wie die Sterne über der Wüste.“
„Wann endet die Nacht euerer Schlacht?“ Diese Frage aus Ehrensteins Gedicht „Stimme aus Barbaropa“ wirkt heute erschreckend aktuell. In Zeiten globaler Krisen, Kriege und schwindender Empathie bekommt sein Werk eine neue Dringlichkeit. Peter Marggrafs Künstlerbuch ist nicht nur eine künstlerische Wiederentdeckung, sondern ein Aufruf zur Auseinandersetzung – mit der Geschichte, mit der Literatur, mit uns selbst.
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Ehrenstein-Kenner, spricht von einem Autor, der „frei in der Luft schwebt wie die Sterne über der Wüste“. Diese Freiheit – so unbequem sie auch sein mag – ist in jeder Zeile, in jeder Zeichnung, dieses Werkes spürbar.
Peter Marggrafs Edition ist also weit mehr als eine Neuauflage. Sie ist eine Wiederentdeckung, ein künstlerischer Dialog über ein Jahrhundert hinweg. Die schwarzen Acrylzeichnungen spiegeln die existentielle Wucht von Ehrensteins Texten wider, schlagen eine Brücke zwischen Expressionismus und Gegenwart. Der Titel der Bildserie – „Gott, Du entsetzlicher Mensch“ – evoziert Ehrensteins Gottesklage, seine Abrechnung mit der Welt, mit dem Krieg, mit dem Leid.
Daß solche Bücher heute noch entstehen – mit Geduld, Leidenschaft und Respekt vor dem Text – grenzt an ein Wunder. Doch in Bordenau, im Atelier des Peter Marggraf, geschieht dieses Wunder regelmäßig.
Wer „Albert Ehrenstein. Briefe an Gott“ in die Hand nimmt, spürt sofort: Dies ist kein Buch im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Zeugnis. Eine Spur. Ein stilles Aufbegehren gegen das Vergessen. Und eine Erinnerung daran, daß Literatur – wenn sie mit Hingabe gedruckt und gestaltet wird – auch in unserer Zeit einen heiligen Raum behaupten kann.
In einer Welt, die immer schneller vergessen will, erinnert uns dieses Buch daran, daß Literatur nicht vergeht, solange es Menschen gibt, die ihr eine Form geben – mit Herz, mit Hand, mit Hingabe. Und Peter Marggraf ist einer dieser Menschen.

 

 

Mehr Informationen zu dem Buch "Briefe an Gott" finden Sie hier