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Zwei Zeichnungen von Peter Marggraf aus dem Buch "Thomas Mann.
Mario und der Zauberer", 2026, 29,5 x 21,5 cm |
I libri bianchi Band 74
Thomas Mann
MARIO UND DER ZAUBERER
Zeichnungen von Peter Marggraf
Stefan Bergan
Zwischen Verführung und Bann
Peter Marggrafs Künstlerbuch zu „Mario und der
Zauberer“
Es
ist ein seltenes und zugleich bemerkenswertes Unternehmen, wenn ein
zeitgenössischer Zeichner sich einem literarischen Text nähert, der selbst
bereits von dichterischer Geschlossenheit und gedanklicher Schärfe ist.
Peter Marggraf hat sich in seinem neuen Künstlerbuch der Novelle
„Mario und
der Zauberer“ von Thomas Mann angenommen
und dazu acht Zeichnungen geschaffen, welche nicht als bloße Illustration
verstanden sein wollen, sondern als eigenständige bildnerische Deutung eines
Werkes, dessen innere Spannung bis in unsere Gegenwart fortwirkt. Die
Blätter sind auf Zerkall-Bütten im Formate von 29,5 × 21,5 cm ausgeführt.
Nichts an diesen Arbeiten drängt sich laut hervor; vielmehr ist es ein
leises, beinahe tastendes Hervortreten der Linien, das den Beschauer in die
Welt der Darstellung hineinzieht.
Mit dem Grafitstift entwirft der Künstler
Figuren, die weniger als abgeschlossene Gestalten denn als Zustände
erscheinen. Es sind skizzenhafte Körper, in denen sich Haltung und Bewegung
nur andeuten, als befänden sie sich in einem fortwährenden Übergang. Die
Linien sind suchend gesetzt, nicht festschreibend; sie umkreisen die Figur,
statt sie endgültig zu definieren. Gerade darin liegt ihre eigentümliche
Kraft. Der Mensch erscheint nicht als souveränes Subjekt, sondern als ein
Wesen, das sich erst im Raum, ja im Widerstand des Raumes formt.
Dieser Raum selbst ist von besonderer Bedeutung.
Er wird nicht plastisch ausgeführt, nicht perspektivisch entwickelt, sondern
mit einem roten Stift nur angedeutet. Linien, Flächen, Einfassungen treten
hervor, die an Tomben, Höhlen oder auch an architektonische Innenräume
erinnern. Doch sind diese Orte nicht eindeutig bestimmbar; sie bleiben
schwebend zwischen Innen und Außen, zwischen Schutz und Gefängnis. Das Rot
wirkt dabei nicht dekorativ, sondern markierend, beinahe warnend. Es zieht
Grenzen, ohne sie ganz zu schließen, und erzeugt so ein Gefühl latenter
Bedrängnis. Hier
knüpft Marggraf an frühere Arbeiten an, insbesondere an seinen Zyklus
„Tomba, auf engstem Raum“. Schon dort war die Frage nach der Einengung des
Körpers durch den Raum von zentraler Bedeutung. Auch eine lebensgroße
Plastik aus Ton (hergestellt 2005) von Peter Marggraf trägt diesen Titel. Der Mensch
erschien als in eine Struktur eingespannt, die ihm kaum Bewegungsfreiheit
ließ. In den neuen Blättern wird dieses Motiv nun in einen literarischen
Zusammenhang gestellt, der ihm eine zusätzliche, tiefere Dimension verleiht.
Denn
„Mario und der Zauberer“ ist nicht
lediglich die Schilderung eines merkwürdigen Abends in einem italienischen
Badeorte, sondern ein Gleichnis auf die Verführbarkeit des Menschen und auf
die Mechanismen der Macht. Die Figur des Zauberers Cipolla, der sein
Publikum durch Suggestion, Hypnose und psychologische Raffinesse in seinen
Bann schlägt, ist von einer Eindringlichkeit, die weit über die konkrete
Situation hinausweist. In ihm verdichtet sich eine Form von Herrschaft, die
nicht allein auf äußerem Zwang beruht, sondern auf dem inneren
Einverständnis der Beherrschten. Marggrafs Zeichnungen nehmen diesen
Gedanken auf, ohne ihn je illustrativ zu verflachen. Seine Figuren sind
nicht als bestimmte Personen kenntlich gemacht; sie tragen keine
individuellen Züge, die sie eindeutig identifizierbar machten. Vielmehr
erscheinen sie als Typen, als Stellvertreter eines Zustandes. Sie stehen,
sitzen oder verharren in Räumen, die sie zugleich umgeben und festhalten. Es
ist, als ob die Linien selbst eine unsichtbare Macht ausübten, die die
Körper in ihrer Stellung fixiert.
In dieser Hinsicht erinnern die Arbeiten an jene
Bildwelten von Francis Bacon, in denen der Mensch in ein Liniengefüge
eingespannt ist, das ihn gleichsam gefangen hält. Doch während dort oft eine
dramatische Verzerrung der Figur im Vordergrund steht, bleibt Marggraf bei
einer zurückgenommenen, beinahe stillen Formensprache. Seine Figuren
schreien nicht; sie verharren. Gerade dieses Verharren aber macht die
Spannung umso fühlbarer.
Der Bezug zur politischen Dimension der Novelle
ist dabei unverkennbar. Als „Mario und der Zauberer“ im Jahre 1930 erschien,
befand sich Europa in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Autoritäre
Bewegungen gewannen an Einfluß, und die Faszination für starke
Führergestalten begann, breite Bevölkerungsschichten zu erfassen. In diesem
historischen Kontext ist die Gestalt Cipollas vielfach als Symbol einer
solchen politischen Verführung gedeutet worden.
Bereits ein Zeitgenosse erkannte die Brisanz des
Werkes mit bemerkenswerter Klarheit. Julius Bab schrieb kurz nach dem
Erscheinen: „Wenn Mussolini etwas von Kunst verstünde, müßte er diese
Novelle verbieten lassen.“ In dieser zugespitzten Bemerkung liegt die
Einsicht, daß hier ein Text vorliegt, der die Mechanismen autoritärer Macht
in einer Weise offenlegt, die für jene, die sich ihrer bedienen, gefährlich
werden könnte.
Marggrafs Künstlerbuch führt diese Einsicht auf bildnerischem Wege fort. Die
roten Raumlinien lassen sich als visuelle Entsprechung jener unsichtbaren
Grenzen verstehen, die eine autoritäre Ordnung dem Individuum setzt. Sie
sind nicht massiv wie Mauern, sondern subtil wie psychologische Schranken.
Der Mensch bewegt sich innerhalb ihrer, oft ohne sich ihrer bewußt zu sein,
und empfindet doch ihre Wirkung.
Besonders eindrucksvoll ist dabei das Verhältnis
von Figur und Raum. Die Figuren scheinen den Raum nicht zu beherrschen,
sondern von ihm bestimmt zu werden. Ihre Haltung ist oft leicht geneigt, als
stünden sie unter einem unsichtbaren Drucke. Die Linien, die den Raum
markieren, durchziehen die Blätter wie ein System von Kräften, das die
Körper in bestimmte Richtungen lenkt. Es ist ein Gefüge, das weniger
sichtbar als spürbar ist.
In dieser Spannung zwischen Sichtbarkeit und
Unsichtbarkeit liegt ein wesentlicher Reiz der Arbeiten. Marggraf zeigt
nicht die Gewalt selbst, sondern ihre Wirkung. Er zeigt nicht den Befehl,
sondern den Gehorsam. Damit rückt er nahe an die eigentliche Problematik der
Novelle heran, die gerade darin besteht, daß die Unterwerfung nicht allein
von außen erzwungen wird, sondern aus einem inneren Prozeß hervorgeht.
Der Augenblick, in dem Mario sich gegen Cipolla
erhebt und ihn erschießt, bildet im Texte einen jähen Bruch. Es ist ein
Moment der Befreiung, der zugleich von Tragik durchzogen ist. In Marggrafs
Zeichnungen wird ein solcher Moment nicht ausdrücklich dargestellt; vielmehr
scheint die Spannung auf ihn hin zuzulaufen, ohne sich ganz zu entladen. Die
Figuren bleiben in ihrem Zustand gefangen, als ob der entscheidende
Augenblick noch ausstünde oder bereits vorüber wäre.
Gerade hierin zeigt sich die Eigenständigkeit des
künstlerischen Zugriffs. Marggraf erzählt die Geschichte nicht nach; er
isoliert vielmehr bestimmte Zustände und verdichtet sie zu Bildern, die über
den konkreten Handlungsverlauf hinausweisen. Seine Arbeiten sind gleichsam
Resonanzräume, in denen die Themen der Novelle – Macht, Verführung,
Unterwerfung – in stiller Intensität nachklingen.
Auch die Beschränkung auf wenige Mittel trägt zu
dieser Wirkung bei. Grafit und roter Stift, Papier von besonderer Qualität –
mehr bedarf es nicht, um eine Welt zu evozieren, die von innerer Spannung
erfüllt ist. Diese Reduktion ist keineswegs ein Mangel, sondern ein bewußtes
künstlerisches Prinzip. Sie zwingt den Beschauer, sich auf das Wesentliche
zu konzentrieren, auf Linie, Raum und Verhältnis.
So entsteht ein Künstlerbuch, das sich der
schnellen Konsumtion entzieht. Es verlangt Aufmerksamkeit, ja ein
wiederholtes Hinsehen. Erst nach und nach erschließen sich die Beziehungen
zwischen den einzelnen Blättern, die feinen Verschiebungen von Haltung und
Raum, die Variationen eines Themas, das in immer neuen Nuancen erscheint.
In einer Zeit, in der Bilder oft in rascher Folge
entstehen und ebenso rasch wieder verschwinden, wirkt ein solches Werk
beinahe anachronistisch. Und doch ist es gerade diese Langsamkeit, diese
Bedachtsamkeit, die ihm seine besondere Aktualität verleiht. Denn die
Fragen, die hier verhandelt werden, sind keineswegs vergangen. Die
Mechanismen der Verführung, die Bereitschaft zur Unterwerfung, die subtile
Macht der Suggestion – all dies gehört nicht nur der Geschichte an, sondern
bleibt Teil der menschlichen Erfahrung. Peter Marggrafs Künstlerbuch zu
„Mario
und der Zauberer“ ist somit mehr als eine
Hommage an einen großen Schriftsteller. Es ist eine eigenständige
künstlerische Reflexion über die Bedingungen menschlicher Freiheit und ihre
Gefährdung. In der stillen Strenge seiner Zeichnungen entfaltet sich ein
Nachdenken, das ohne laute Gesten auskommt und gerade darin seine
nachhaltige Wirkung entfaltet. Man könnte sagen: Wo der Text spricht,
antwortet hier die Linie. Und diese Antwort ist von einer Eindringlichkeit,
die lange nachwirkt.
Mehr Informationen zum Buch "Mario
und der Zauberer" finden Sie hier
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SAN MARCO HANDPRESSE. Peter
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