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 Zwei Photographiken von Peter Marggraf aus dem Buch "Michael Hillen. Manchmal Gänsehirt - Existenzen", 2026, 17,5 x 24 cm

 


 

 

I libri bianchi Band 77
Michael Hillen

MANCHMAL GÄNSEHIRT - EXISTENZEN
PHOTOGRAPHIKEN  VON PETER MARGGRAF

 

  

 

Wie Schweigen
Verwundete Bilder
Peter Marggrafs neue Photographiken mit Glasnegativen

 


Evelin Eberle

Im Sommer 2015 benutzte der Bordenauer Bildhauer, Zeichner und Drucker Peter Marggraf erstmals eine fast hundert Jahre alte Plattenkamera, um Photographien in Venedig aufzunehmen. Die brüchigen, nicht mehr ganz lichtdichten Filmkassetten verliehen den Aufnahmen eine eigentümliche Fragilität und eine Atmosphäre des Vergänglichen. Die so entstandenen Photographien stellte er den Sonetten von August von Platen gegenüber. Es entstand ein Werk, in welchem Bild und Sprache in einen stillen Dialog treten: das alte Venedig der Dichtung begegnet dem Venedig des Lichtbildes.
Marggraf selbst beschreibt seine Hinwendung zur Photographie nicht als Abkehr von der Zeichnung, sondern als Erweiterung seines Sehens. Jahrzehntelang begleiteten ihn Papier und Stift durch Venedig; nun begann das Licht selbst zu zeichnen. Dabei interessierte ihn weniger die technische Präzision der modernen Kamera als vielmehr die Möglichkeit, mit den Unvollkommenheiten des alten Verfahrens zu arbeiten. Lichtspuren, kleine Schleier und Unschärfen wurden Bestandtheile der Bildsprache.
Jahrzehntelang hatte Marggraf vor allem als Bildhauer und Drucker gearbeitet — als ein Künstler also, dessen Denken von Materialität, Gewicht und unmittelbarer Handarbeit geprägt ist. Papier, Blei, Terrakotta und Druckfarbe bestimmten seine Arbeit. Die Kamera diente ihm bis dahin vornehmlich zur Dokumentation.
In seinen neuen photographischen Arbeiten hat Marggraf sich der historischen Technik des Glasnegativs und ihrer experimentellen Erweiterung zugewandt. Was ihn dabei interessiert, ist nicht die nostalgische Wiederbelebung eines alten Verfahrens, sondern die Frage, wie sich Erinnerung, Verletzlichkeit und Stille in einen Bildkörper einschreiben lassen. Die Arbeiten entstehen in einem langsamen, beinahe archaischen Prozeß. Auf Glas walzt Peter Marggraf schwarze ölhaltige Druckfarbe. In diese dunkle Fläche zeichnet, ritzt oder wischt er mit Holzstiften, mit Tüchern oder unmittelbar mit den Händen hinein. Linien entstehen, lösen sich wieder auf, verschwinden in Schleiern oder Verdichtungen. Danach trocknet die Platte, bevor sie in der Dunkelkammer im Kontaktverfahren auf Photopapier übertragen wird.
Schon dieser Vorgang macht deutlich, daß es sich hier nicht mehr um Photographie im herkömmlichen Sinne handelt. Es gibt kein objektiv registriertes Motiv, keinen festgehaltenen Augenblick äußerer Wirklichkeit. Das Bild entsteht unmittelbar auf der Glasfläche selbst. Dennoch bleibt die Arbeit untrennbar mit photographischem Denken verbunden. Denn wie beim historischen Glasnegativ erscheint auch hier das eigentliche Bild erst im Abdruck. Die Glasplatte bleibt Zwischenzustand, Spurenträger und Matrix zugleich.
Marggraf bezeichnet diese Arbeiten als „Photographiken“ — ein Begriff, der die Verbindung von Zeichnung, Druckgraphik und Photographie präzise beschreibt. Tatsächlich bewegen sich diese Blätter zwischen mehreren Medien, ohne sich eindeutig einem von ihnen zuordnen zu lassen. Sie besitzen die Körperlichkeit einer Zeichnung, die Umkehrung des photographischen Negativs und zugleich die handwerkliche Genauigkeit eines Druckprozesses.
In einer Zeit digitaler Bilderzeugung, in der Photographien millionenfach entstehen und ebenso rasch wieder verschwinden, wirkt Marggrafs Verfahren beinahe widerspenstig. Jeder Arbeitsschritt verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und körperliche Anwesenheit. Jede Berührung hinterläßt eine unwiederholbare Spur.
Dreizehn Photographiken hat Peter Marggraf im Frühjahr 2026 zu den Gedichten von Michael Hillen geschaffen. Der Arbeitstitel der Folge lautet „Wie Schweigen“ Darüber hinaus blieb die Serie unbetitelt. Die einzelnen Graphiken messen jeweils 17,5 × 24 cm.
Die Bildfolge entwickelt eine stille, tastende Sprache, in der Sichtbarkeit und Entzug, Erinnerung und Schweigen miteinander verschränkt sind. Die Figuren, die auf den Glasplatten erscheinen, sind keine naturalistischen Darstellungen. Oft tauchen nur Fragmente menschlicher Körper auf: ein angedeutetes Gesicht, eine Hand, ein Torso, manchmal bloß eine schemenhafte Gestalt im Dunkel. Die Linien wirken unterbrochen oder verwischt, als entstünden die Figuren erst im Augenblick des Betrachtens.
Auffällig ist dabei, daß Marggraf Schweigen nicht illustrativ behandelt. Es geht nicht um Szenen der Einsamkeit oder des Verstummens im erzählerischen Sinn. Vielmehr erscheint Schweigen als eine Form innerer Präsenz — als Zustand, in dem sich Fragilität, Erinnerung und Wahrnehmung verdichten. Die Bilder handeln von Brüchen und Unsicherheiten, zugleich aber auch von einer stillen Beharrlichkeit des Menschlichen.
Die Technik selbst wird dabei zum Bedeutungsträger. Wenn Marggraf Farbe von der Glasplatte wischt, entstehen helle Stellen im Dunkel, die wie freigelegte Schichten oder tastende Lichtspuren wirken. Die Zeichnung entsteht durch Wegnahme. Das Licht erscheint dort, wo Material entfernt wurde. In diesem Sinn besitzen die Arbeiten eine beinahe meditative Qualität: Sichtbarkeit entsteht aus Auslöschung.
Das Negativ zeigt die Welt verkehrt, als helle Schatten auf dunklem Grund. Erst der Abzug verwandelt diese Umkehrung wieder in ein positives Bild.
Viele Blätter wirken bewußt unfertig. Spuren des Wischens, des Verworfenen und des Überarbeitetens bleiben sichtbar. Das Bild zeigt seine eigene Entstehung. Gerade dadurch entsteht eine große Unmittelbarkeit.
Besonders eindrucksvoll ist dies in den dunklen Partien der Photographiken. Das Schwarz besitzt Tiefe und Dichte wie in alten Kupferdrucken oder Radierungen. Aus dieser Dunkelheit treten die Figuren nur zögernd hervor. Manche scheinen sich gerade aufzulösen, andere wirken wie aus dem Material herausgekratzt. Dadurch entsteht ein eigentümliches Schwanken zwischen Erscheinung und Verschwinden.
Vielleicht liegt gerade hierin die besondere Stärke dieser Arbeiten. Sie verweigern sich der Eindeutigkeit. Nichts ist vollkommen festgelegt, nichts endgültig abgeschlossen. Die Bilder bleiben offen für Erinnerung, Assoziation und innere Erfahrung. Sie zeigen nicht die Welt als fertige Wirklichkeit, sondern als verletzlichen Vorgang des Sichtbarwerdens.
Damit stehen die Photographiken auch in enger Beziehung zu Marggrafs gesamtem künstlerischen Denken. Seine Terracotta-Figuren, seine Drucke und Zeichnungen und nun auch seine Glasnegative kreisen um dieselbe Frage: Wie läßt sich menschliche Existenz darstellen, ohne sie zu glätten oder zu idealisieren? Wie kann Kunst Verletzlichkeit sichtbar machen, ohne sie sentimental werden zu lassen?

 

 

 



 


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