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 Zwei Linolätzungen von Peter Marggraf aus dem Buch "Georg Heym. Meine Seele ist eine Schlange", 2026, 27,5 x 23,5 cm

 


 

 

I libri bianchi Band 75
GEORG HEYM

MEINE SEELE IST EINE SCHLANGE
LINOLÄTZUNGEN VON PETER MARGGRAF

 

  

Stefan Bergan

 

Im Schatten der Worte – Die Bildwelten des Peter Marggraf zu Georg Heym

 

Ein neues Künstlerbuch aus der Reihe „I libri bianchi“ liegt vor, und es ist, als schlösse sich mit ihm ein weiter Bogen: vom Wort zur Form, vom Gedicht zur Fläche, vom Atem der Sprache zum stillen Widerhall der Bilder. Der fünfundsiebzigste Band dieser in ihrer Konsequenz und Beharrlichkeit bemerkenswerten Edition führt erneut vor Augen, was ein Künstlerbuch im eigentlichen Sinne vermag – nicht Illustration zu sein, sondern Begegnung, nicht Deutung, sondern Gegenüber.
Der Bildhauer und Drucker Peter Marggraf, dessen Werk seit Jahrzehnten in der Spannung zwischen plastischer Verdichtung und graphischer Verfeinerung steht, hat sich diesmal der Dichtung von Georg Heym zugewandt. Es ist eine Wahl von innerer Notwendigkeit. Denn Heyms Verse, durchzogen von Visionen des Verfalls, von dunklen Städten, von apokalyptischen Landschaften, verlangen geradezu nach einem bildnerischen Widerpart, der nicht nacherzählt, sondern verwandelt.
Die Reihe „I libri bianchi“, in der dieses neue Werk erscheint, ist längst selbst zu einem Kapitel deutscher Buchkunst geworden. Fünfundsiebzig Bände – eine Zahl, die nicht nur von Fleiß, sondern von Haltung zeugt. Hier begegnen sich Texte von Samuel Beckett, Franz Kafka, Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler und Hannah Arendt mit den bildnerischen Interventionen Marggrafs; ebenso treten lebende Stimmen wie Georg Oswald Cott, Michael Hillen oder Johann P. Tammen hinzu. Es ist ein fortgesetztes Gespräch über Generationen hinweg, ein stilles Archiv der Nähe zwischen Literatur und bildender Kunst.
Marggraf, 1947 in Ehlbeck bei Lüneburg geboren, gehört zu jener Generation von Künstlern, die sich nie ganz in die Kategorien der Nachkriegsmoderne einfügen ließen. Sein Studium der Bildhauerei in Hannover, Hamburg und Braunschweig führte ihn früh zu einer eigenständigen, figürlichen Formensprache; 1981 wurde er Meisterschüler bei Emil Cimiotti, dessen Einfluß sich weniger in stilistischen Parallelen als in einer Haltung der Genauigkeit und des Materialsinns zeigt.
Mit der Gründung der San Marco Handpresse im Jahre 1996 schuf Marggraf sich ein Instrument, das zugleich Werkstatt und Labor ist. Hier entstehen jene Drucke, die nicht auf Reproduzierbarkeit im industriellen Sinne zielen, sondern auf das einzelne Blatt als Ereignis. Das zweimonatige Arbeitsstipendium im Deutschen Studienzentrum in Venedig 1999 hat diese Ausrichtung gewiß vertieft; die Nähe zu einer Stadt, in der Kunst und Handwerk seit Jahrhunderten ineinander greifen, hat Spuren hinterlassen.
Seine Arbeiten befinden sich heute in privaten und öffentlichen Sammlungen in Europa und Amerika – ein Hinweis auf die internationale Resonanz, die ein Werk gefunden hat, das doch stets an konkrete Orte und Materialien gebunden bleibt. Und doch ist es gerade diese Bindung, die ihm eine eigentümliche Freiheit verleiht.
Der neue Band trägt den Titel „Meine Seele ist eine Schlange“ – ein Vers, entnommen einem Gedicht Heyms. Schon in dieser Wahl zeigt sich die Grundbewegung des Buches: die Aneignung eines dichterischen Bildes, das zugleich eine Verwandlung erfährt. Die Schlange, Sinnbild von Gefahr, von Verführung, von zyklischer Erneuerung, wird hier zum Emblem einer inneren Unruhe, die sowohl den Dichter als auch den bildenden Künstler durchzieht.
Marggraf stellt den ausgewählten Gedichten neun Linolätzungen gegenüber. Es ist von entscheidender Bedeutung, dieses „Gegenüber“ ernst zu nehmen. Die Blätter sind keine Illustrationen; sie erklären nichts, sie wiederholen nichts. Vielmehr öffnen sie einen zweiten Raum, der neben dem Raum der Sprache existiert. Zwischen beiden Räumen entsteht eine Spannung, die das eigentliche Feld des Buches bildet.
Die Technik der Linolätzung, die Marggraf hier verwendet, ist in ihrer Wirkung von besonderer Feinheit. Während der Linolschnitt scharfe Konturen, ein klares Schwarz-Weiß, eine fast graphische Strenge hervorbringt, erlaubt die Linolätzung eine malerische Abstufung, ein Spiel von Grautönen, eine weichere, atmendere Oberfläche. In dieser Differenz liegt bereits eine ästhetische Entscheidung: Gegen die Härte der expressionistischen Visionen Heyms setzt Marggraf eine Bildwelt, die nicht minder intensiv, aber in ihrer Erscheinung differenzierter ist.
Die neun Blätter – jedes im Format 27,5 x 23,5 cm, – tragen Titel, die sämtlich den Gedichten Heyms entnommen sind: „Die einen Stern beschwören“, „Schatten sind viele“, „Die Menschen aber, die vergessen werden“, „Im Schattenlande werden bald wir wohnen“. Unter der Darstellung des Todes liest man die Zeile: „Vom Schauder eines Lächelns sanft bewegt“.
Schon diese Titel zeigen, wie eng die Verbindung zwischen Text und Bild gedacht ist – und wie weit sie zugleich auseinander treten. Denn der Titel ist gleichsam die einzige direkte Brücke; alles übrige bleibt offen, deutbar, vieldeutig.
Wer sich den Gedichten Heyms nähert, betritt eine Welt, die von Anfang an unter einem dunklen Vorzeichen steht. Geboren 1887 in Hirschberg in Schlesien, aufgewachsen unter dem strengen Regiment eines Vaters, der als Staatsanwalt und später Militäranwalt die Laufbahn des Sohnes vorzuzeichnen suchte, war Heym früh hin- und hergerissen zwischen äußerer Anpassung und innerem Widerstand.
Er studierte, dem väterlichen Willen folgend, Rechtswissenschaften in Würzburg, Jena und Berlin, bestand 1911 die erste juristische Staatsprüfung, entzog sich jedoch dem Vorbereitungsdienst. Stattdessen wandte er sich der Dichtung zu – und schuf in wenigen Jahren ein Werk von erstaunlicher Dichte. Mehr als fünfhundert Gedichte, dazu Prosatexte und Dramen, zeugen von einer eruptiven Produktivität, die durch seinen frühen Tod jäh abbrach.
Am 16. Januar 1912 ertrank Heym beim Schlittschuhlaufen auf der Havel bei Berlin. Er war vierundzwanzig Jahre alt. Sein Werk blieb Fragment – und gewann gerade dadurch eine eigentümliche Geschlossenheit. Es ist, als sei alles Wesentliche bereits gesagt worden, als habe die Kürze des Lebens die Intensität des Ausdrucks noch gesteigert.
Heym gilt heute als einer der bedeutendsten Wegbereiter des literarischen Expressionismus in Deutschland. Seine Gedichte sind erfüllt von Visionen des Untergangs, von brennenden Städten, von erstarrten Landschaften, von anonymen Massen. Doch in all dem Dunkel liegt eine ungeheure Sprachkraft, eine Fähigkeit, Bilder von fast magischer Prägnanz zu schaffen.
Der Band „Umbra vitae“, 1924 mit Holzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner erschienen, hat diese Verbindung von Wort und Bild bereits exemplarisch vorgeführt. Marggrafs neues Buch tritt gewissermaßen in einen Dialog mit dieser Tradition – und führt sie zugleich weiter.
Was geschieht nun im Innern dieses Buches? Wie verhalten sich die Linolätzungen zu den Gedichten?
Zunächst fällt auf, daß Marggraf keine konkreten Szenen aus den Texten aufgreift. Es gibt keine direkten Entsprechungen, keine „Illustrationen“ im herkömmlichen Sinne. Stattdessen entstehen Bildräume, die an die Atmosphäre der Gedichte erinnern, ohne sie festzulegen. Dunkle Flächen, aus denen Formen auftauchen; Linien, die sich verdichten und wieder verlieren; Strukturen, die an Landschaften, an figürliche Körper, an architektonische Fragmente denken lassen, ohne sich eindeutig bestimmen zu lassen.
Diese Offenheit ist entscheidend. Sie erlaubt es dem Betrachter, die Bilder nicht als Ergänzung, sondern als eigenständige Erfahrung zu erleben. Gleichzeitig wirken die Gedichte anders, wenn sie im Zusammenhang mit den Blättern gelesen werden. Worte erhalten ein visuelles Echo, Bilder scheinen in die Sprache zurückzustrahlen.
Die Wahl der Linolätzung als Technik ist, wie bereits angedeutet, mehr als eine handwerkliche Entscheidung. Sie bestimmt die Wahrnehmung der Bilder in grundlegender Weise. Die feinen Abstufungen, die Möglichkeit, Grautöne zu modulieren, erzeugen eine Atmosphäre, die dem „Umbra“-Motiv der Heymschen Dichtung entspricht. Schatten ist hier nicht bloß Abwesenheit von Licht, sondern ein eigenständiger Raum, in dem sich Formen erst allmählich herausbilden.
Es wäre jedoch verkürzt, dieses Werk allein unter dem Gesichtspunkt der Technik oder der Ausstattung zu betrachten. Entscheidend ist die geistige Haltung, die sich in ihm ausdrückt. Marggraf begegnet Heym nicht als Interpret, sondern als Partner. Er versucht nicht, die Gedichte zu „verstehen“ im Sinne einer eindeutigen Deutung, sondern er läßt sich von ihnen in einen Prozeß hineinziehen, der schließlich zu eigenen Bildern führt.
Diese Haltung ist vielleicht das eigentliche Geheimnis der Reihe „I libri bianchi“. Sie basiert auf der Überzeugung, daß Kunst nicht in der Illustration eines anderen Mediums besteht, sondern in der Begegnung verschiedener Ausdrucksformen. Das Buch wird so zu einem Ort, an dem diese Begegnung sichtbar wird.
In einer Zeit, in der das gedruckte Buch vielfach in Frage gestellt wird, gewinnt eine solche Auffassung besondere Bedeutung. Sie erinnert daran, daß das Buch mehr sein kann als ein Träger von Text – nämlich ein eigenständiges Kunstwerk, in dem Material, Form und Inhalt untrennbar miteinander verbunden sind.
Am Ende steht die Frage, was von einem solchen Werk bleibt. Ist es ein Sammlerstück, ein Objekt für Liebhaber? Gewiß auch. Doch es ist mehr als das. Es ist ein Beitrag zu einer Tradition, die nicht abreißen sollte: der Tradition des Künstlerbuches als Ort der Verdichtung, der Konzentration, der stillen Intensität.
Der fünfundsiebzigste Band von „I libri bianchi“ markiert dabei keinen Abschluß, sondern einen weiteren Schritt. Er zeigt, daß diese Reihe noch immer lebendig ist, daß sie sich neuen Texten, neuen Bildern öffnet, ohne ihre Grundhaltung zu verlieren.
Und er führt vor Augen, daß die Begegnung zwischen Peter Marggraf und Georg Heym mehr ist als ein editorisches Projekt. Sie ist ein Dialog über Zeit und Tod, über Sprache und Bild, über die Möglichkeit, das Dunkel zu gestalten.
„Meine Seele ist eine Schlange“ – dieser Titel bleibt haften. Er beschreibt nicht nur den Dichter, sondern vielleicht auch den Künstler, der sich durch die Windungen der Form bewegt, der sich häutet, der immer wieder neu ansetzt. In den Blättern dieses Buches ist etwas von dieser Bewegung sichtbar geworden. Und vielleicht ist es gerade das, was uns an ihnen festhält: daß sie nicht zur Ruhe kommen, daß sie weiterarbeiten in uns, lange nachdem wir das Buch geschlossen haben.

 

 

 



 


Mehr Informationen zum Buch "Meine Seele ist eine Schlange" finden Sie hier
 

 

 


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