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 Drei Kohlezeichnungen von Peter Marggraf aus dem Buch "Georg Oswald Cott. Räuberleiter", 2026, 30 x 42 cm

 


 

 

I libri bianchi Band 76
Georg Oswald Cott

RÄUBERLEITER
SCHATTENMENSCHEN  Kohlezeichnungen von Peter Marggraf

 

  

 

SCHATTENMENSCHEN
Peter Marggrafs neue Kohlezeichnungen zu Gedichten von Georg Oswald Cott

 


Evelin Eberle

Peter Marggrafs neue Folge von Kohlezeichnungen zu den Gedichten des Braunschweiger Dichters Georg Oswald Cott trägt den vorläufigen Arbeitstitel „Schattenmenschen“. Bereits dieser Titel verweist auf einen Bildkreis, der zu den ältesten und zugleich unheimlichsten Motiven der Kunstgeschichte gehört: auf die Vorstellung vom Menschen als Schattenwesen, auf das Doppelbild des Leibes und auf jene dunkle Zone zwischen Sichtbarkeit und Vergänglichkeit, zwischen Gegenwart und Tod.
Daß Marggraf dieses Thema nicht illustrativ, sondern zeichnerisch erfaßt, entspricht der inneren Anlage seines Werkes. Der Bildhauer, Zeichner, Drucker und Buchgestalter hat sich seit Jahren mit den Erscheinungsformen des Todes auseinandergesetzt. Seine plastischen Arbeiten wie auch seine Zeichnungen kreisen um die Frage nach dem Verhältnis von Leib und Auflösung, von Erinnerung und Auslöschung. Erst kürzlich entstand für das Buch- und Papiermuseum in Leipzig eine umfangreiche Kassette mit Darstellungen des tanzenden Todes, die in ihrer Strenge und Eindringlichkeit an die großen Totentanz-Folgen der europäischen Kunst erinnert.
Die nun vorliegenden sechzehn Kohlezeichnungen entstanden im Frühjahr 2026 auf 120 g/qm Werkdruckpapier der Firma Hahnemühle. Die einzelnen Blätter messen 42 × 30 cm und verzichten – abgesehen vom gemeinsamen Arbeitstitel – auf jede weitere Benennung. Dieser Verzicht ist bezeichnend. Denn Marggraf sucht nicht die literarische Ausschmückung einzelner Gedichte, sondern eine allgemeine Bildwelt, die aus der elementaren Kraft des Schattens hervorgeht. Die Blätter erscheinen wie Visionen aus einem Zwischenreich: nicht Porträts wirklicher Menschen, sondern Abdrucke von Existenzen, die bereits halb dem Dunkel angehören.
Die Widmung an die Tochter des korinthischen Töpfers Butades führt unmittelbar an den Ursprung der bildenden Kunst zurück. Nach der antiken Überlieferung, die Plinius der Ältere berichtet, zeichnete die junge Frau den Schattenriß ihres Geliebten mit einem Kohlestift an die Wand, ehe dieser in die Fremde zog. Das Bild sollte Erinnerung bewahren, Abwesenheit bannen und den Schmerz der Trennung lindern. In dieser Legende liegt bereits das ganze Geheimniß der Zeichnung beschlossen: Kunst entsteht aus Verlust. Das erste Bild ist kein Triumph des Sehens, sondern ein Versuch gegen das Verschwinden.
Marggrafs Kohlezeichnungen knüpfen in eigentümlicher Weise an diesen Ursprung an. Die Kohle selbst besitzt dabei symbolische Bedeutung. Sie ist verbranntes Holz, also Überrest eines vergangenen Lebens. Ihr schwarzer Staub wirkt wie Asche oder Ruß, wie Spur einer Verwandlung durch Feuer. Kein anderes Material scheint geeigneter, um Schatten und Vergänglichkeit darzustellen. Während die Farbe der Malerei häufig Körper und Stofflichkeit hervorbringt, entzieht die Kohle den Dingen ihre feste Kontur. Sie läßt Erscheinungen entstehen, die sich gleich wieder im Dunkel verlieren.
Gerade hierin liegt die besondere Wirkung dieser Folge. Die Figuren treten nicht deutlich hervor, sondern bilden sich aus Verwischungen, Verdichtungen und abrupten Schwärzungen. Manche Gesichter erscheinen nur angedeutet, manche Körper zerfließen förmlich im Hintergrund. Der Betrachter glaubt bisweilen, keine Gestalten, sondern Rauchspuren oder Nachbilder zu sehen. Die Zeichnungen besitzen etwas Flüchtiges, beinahe Atemhaftes. Sie wirken wie Erinnerungen an Menschen und nicht wie deren gegenwärtige Abbilder.
Dabei wird der Schatten zum eigentlichen Träger des Bildes. Seit der frühen Neuzeit gehörte der Schatten zwar als Mittel räumlicher Darstellung zum festen Bestand der Kunst. Doch blieb er meist dienendes Element. Erst das 19. Jahrhundert entdeckte den Schatten als selbständige Ausdrucksform. Mit der Photographie und später mit dem Film gewann das Dunkel eine neue Eigenmacht. Schatten konnten nun nicht mehr bloß als Begleiterscheinung des Körpers verstanden werden, sondern als autonome Gestalt, als Verdoppelung oder Entfremdung des Menschen.
Marggraf führt diese Entwicklung auf eigenthümliche Weise weiter. Seine „Schattenmenschen“ besitzen kaum Individualität; sie erscheinen vielmehr als Verkörperungen eines allgemeinen menschlichen Zustandes. Der Mensch wird hier nicht als souveräne Gestalt gezeigt, sondern als gefährdete Erscheinung an der Grenze des Verschwindens. Der Schatten ist nicht bloß lichtfreier Bereich hinter einem Gegenstand, sondern Ausdruck einer metaphysischen Unsicherheit. Er gehört zum Körper und löst sich doch zugleich von ihm.
Damit berühren die Zeichnungen uralte Vorstellungen vieler Kulturen. In den mythologischen Bildern der Antike war das Schattenreich die Welt der Todten. Im Hades leben die Verstorbenen als körperlose Schatten fort, als schwache Abbilder ihres einstigen Daseins. Der Schatten galt vielfach als Spiegelbild der Seele, als „zweites Ich“ oder Doppelgänger des Menschen. Auch in nordischen und orientalischen Vorstellungen begegnet diese Verbindung von Schatten und Seele immer wieder. Das Dunkel ist nicht bloß Abwesenheit des Lichtes, sondern Aufenthaltsort des Vergangenen und Unsichtbaren.
Marggraf scheint diese Überlieferungen nicht illustrativ zu zitieren, sondern aus ihrem inneren Gehalt heraus neu zu gestalten. Seine Figuren stehen oft isolirt im weißen Raum des Papiers, gleichsam ausgesetzt zwischen Erscheinen und Erlöschen. Die Leere um sie herum wirkt nicht neutral, sondern wie Schweigen. Dadurch erhalten die Blätter eine beklemmende Ruhe. Nichts Spektakuläres geschieht, keine dramatische Handlung wird erzählt. Und doch entsteht der Eindruck eines unaufhaltsamen Überganges.
Bemerkenswert ist auch die Nähe dieser Zeichnungen zur Plastik. Obwohl sie mit Kohle ausgeführt sind, besitzen viele Formen ein starkes körperliches Gewicht. Dunkle Flächen lagern sich wie modellirte Masse auf dem Papier. Man spürt, daß hier ein Bildhauer zeichnet. Die Gestalten scheinen aus dem Schwarz herausgemeißelt zu sein, ähnlich wie eine Skulptur aus dem Stein hervortritt. Gleichzeitig bleibt alles prekär und ungesichert; ein Wischen der Hand könnte die Form wieder zerstören. Gerade dieses Schwanken zwischen Körperlichkeit und Auflösung verleiht den Blättern ihre Spannung.
Das Buch als Ganzes dürfte dadurch eine ungewöhnliche Geschlossenheit gewinnen. Die Zeichnungen begleiten die Gedichte nicht bloß, sondern schaffen einen eigenen bildnerischen Resonanzraum. Schon der Umschlag mit seiner Kohlezeichnung wirkt wie der Eingang in ein „Reich der Schatten“. Der Leser tritt gleichsam in eine Zwischenwelt ein, in der Erinnerung, Verlust und Tod gegenwärtig werden.
Dabei ist Marggrafs Kunst frei von jeder sentimentalen Todesromantik. Seine „Schattenmenschen“ wollen weder erschrecken noch trösten. Sie zeigen vielmehr die fragile Existenz des Menschen selbst. Der Tod erscheint nicht als dramatisches Ereigniß, sondern als ständige Begleitung des Lebens, als dunkler Schatten, der jedem Dasein eingeschrieben ist. Gerade dadurch gewinnen die Blätter eine stille Würde.
Vielleicht liegt hierin ihre eigentliche Modernität. In einer Zeit schriller Bilder und rascher visueller Reize wagt Marggraf die Konzentration auf Schwarz, Papier und Spur. Seine Kohlezeichnungen erinnern daran, daß die Kunst aus den einfachsten Mitteln entstehen kann: aus Licht und Dunkel, Anwesenheit und Verlust. Wie einst die Tochter des Butades den Schatten ihres Geliebten festhielt, so versucht auch Marggraf, das Flüchtige sichtbar zu machen.
Die sechzehn Blätter der Folge „Schattenmenschen“ gehören damit zu jenen seltenen Arbeiten, die weit über ihre unmittelbare literarische Funktion hinausweisen. Sie führen den Betrachter an einen Ursprung der Kunst zurück, an dem Bild und Erinnerung, Liebe und Tod untrennbar verbunden sind. In ihrem tiefen Schwarz erscheint die alte Wahrheit, daß der Mensch vielleicht zuerst seinen Schatten erkannte, ehe er sich selbst begriff.

 



 

 

 



 


Mehr Informationen zum Buch "Räuberleiter" finden Sie hier
 

 

 


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