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Selbstgespräche für Leser
Georg Oswald Cott Unter dem
Milchstraßengelächter Gedichte Peter Marggraf. Eine Radierung
Axel Kahrs
EXEGI MONUMENTUM AERE PERENNIUS
„Ich habe ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz“ – der Anspruch des
römischen Dichters Horaz an sein Werk, die metallene Materialität der Welt
zu überleben, ist legendär. Er wurde maßgeblich in den folgenden Epochen:
als Sinnspruch, Weisheit oder Merksatz ziert er, in Versalien gegossen,
seitdem Tempel, Triumphbögen und Museen. Die Dichtung beanspruchte so
Lebensweisheit, wollte repräsentativ sein, drängte in die Mitte des
Geschehens. Der Rückblick offenbart aber auch die Gefährdungen der stolzen
Haltung, oft wirken diese poetischen Formulierungen überholt, unzeitgemäß,
oder sie werden zur banalen Alltagsfloskel. Viele Dichter treten daher von
diesem Anspruch der öffentlichen Gültigkeit zurück und verstehen ihr Werk
als eher stille, aber nicht schweigsame Gesprächsangebote auf Augenhöhe. Sie
stehen einem Diskurs näher als der Aufforderung, sind der Anregung mehr
verbunden als dem Gebot, wie es einst Rilke verstand: „Du mußt dein Leben
ändern“.
Poetischer Bilderspeicher Zu diesen leisen Lyrikern im
Lande zählt auch der Braunschweiger Georg Oswald Cott, der mit seinem neuen
Gedichtband „Unter dem Milchstraßengelächter“ schon vertraute und neu zu
lesende Gedichte zu einem Auftritt bündelt, der in sich Qualitäten einer
gelungenen Lebensbalance trägt. Cott, Jahrgang 1931, kennt die unruhigen
Zeiten der Anti-Dichter und Barrikadenpoeten, ihre Parole „Zwischentöne sind
nur Krampf / im Klassenkampf“. Er aber gehört zu den gelassenen Geduldigen
im Lande, lange Jahre eingebunden im Einerlei des Berufsalltags und in den
familiären Verpflichtungen. Cotts erfülltes Leben erweist sich nun, im
Lebensabend mit seinen befreiten Stunden der Reflexion, als Speicher
poetischer Bilder. Seine Gedichte sind von Erfahrungen durchzogen; wie
Wasserzeichen tauchen immer wieder, mal schemenhaft, mal schärfer
konturiert, Momente des Alltags auf: Ein harmonisches Familienleben, eine
Auszeit im Kreis der Poetenfreunde, ein ruhiges Sich-Einlassen auf die Natur
und den Lauf der Dinge, geprägt von einer selten ausgesprochenen, aber
tiefen Gläubigkeit, Anklänge an Matthias Claudius oder Wilhelm Lehmann
unterliegen den Zeilen.
Kristalline Weltsichten Gott ist in allen
Dingen der Welt, besonders in der Natur, wie es schon beim jungen Goethe zu
lesen ist. Statt großem Staunen und kühnen Bildern wie einst Klopstock, der
in seinem legendären Gedicht „Die Frühlingsfeier“das biblische Bild der Erde
als „Tropfen am Eimer“ des Weltalls schuf, setzt Georg O. Cott in seinem
Gedicht vom „Milchstraßengelächter“ den Astronomen, die das Weltall zu
verstehen glaubten, die Unergründlichkeit des Kosmos entgegen: „Galilei
springt zu kurz / plumpst in den Bach und hört nicht / das
Milchstraßengelächter.“ Es sind diese Miniaturen, die die Lyrik Cotts
auszeichnen, mal der Anekdote, mal dem Aphorismus nahe, kristallin gewordene
Welteinsichten. Manchmal sind es Monaden, Urzellen menschlichen Erlebens,
dann wieder Alltagsgeschichten, in sich ruhend, ohne Anrede, Gegenüber.
Wortschatz und Wortschöpfung Widerrufe eingefahrener Sichtweisen
überraschen den Leser, wie im Gedicht vom flackernden Blaulicht, das uns
eigentlich warnen will vor Gefahr, Überfall, Feuer oder Unfall, beim Dichter
aber ein zuversichtlich leuchtendes Signal wird: „zum Wiederbeleben / eines
Menschen der sich / durchschlug und ankam.“ Zum lyrischen Verzicht auf
Kompaktwissen oder die im Medienzeitalter vorherrschende Datenflut gesellt
sich bei Georg O. Cott ein Wortschatz, der neben seinen Wortschöpfungen –
wie im Titel – getrost als poetisches Archiv der versunkenen Begriffe
verstanden werden kann. Von der Tretmühle ist da die Rede, vom Fußvolk und
dem Springinsfeld, vom Würgeengel und Pfiffikus, man verhaspelt sich,
krakeelt, hütet den Augapfel – die Sprache gewinnt den alten Glanz zurück,
ohne dabei altertümlich zu wirken.
Assoziative Freiräume Der
Satzspiegel und die Wahl der Garamond Schrift (12 Punkt) durch Peter
Marggraf korrespondieren mit dieser Grundstruktur des poetischen Werk Cotts.
Die kleine, schmale Schrift mit größerem Zeilendurchschuss und viel Weißraum
lassen Platz: Projektionsflächen für Leser; Freiräume für Assoziationen und
Visionen, fast einladend zu Marginalien und Ausrufe- oder Fragezeichen (aber
das wäre schade um den kostbaren Band). Schon früh hatte Cott mit seiner
Aktion „Ein Gedicht für ein Lächeln“ auf der Buchmesse auf sich aufmerksam
gemacht und seine kurzen Gedichte einzeln in Papierrollen mit
Schleifenbändern umwickelt verschenkt, um die Individualität eines jeden
einzelnen zu betonen.
Schätze der Buchkunst Die spätere Bandbreite
bibliophiler Gestaltung in den Gedichtbänden Cotts ist beeindruckend, die
Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und andere Schatzhäuser bewahren
schon lange Georg O. Cotts Exemplare der Buchdruckerkunst, Sammler ergänzten
in Kassetten das vollendete Buch mit Manuskripten und Zeichnungen, so ist es
auch dieses Mal. Im Braunschweiger Dom hingen seine prägnanten Gedichte zur
innerdeutschen Grenze an langen weißen Bahnen, luftig wie das eben
gesprochene Kanzelwort, schwebend, stille, stumm-beredte Begleiter im
Kirchenschiff.
Figürliche Lebensbejahung Peter Marggrafs dem Buch
beigelegte Radierung „vornübergeneigt“ bezieht sich auf ein Gedicht Cotts
und speist sich aus den selben Quellen der gelassenen Lebenserfahrung:
„Nicht gebeugt / ich gehe vornübergeneigt“ ist der Widerruf scheinbar
gedrückter oder bedrückter Haltung, die vielmehr das gezielte Suchen nach
lebensbejahenden Eigenschaften verdeutlicht. Vornübergeneigt: In der
Radierung erscheint ein Mensch, weniger Körper als Kontur, gebildet aus
klaren, hellen Strichen, festgehalten in dem Augenblick, in dem die Bewegung
zur Ruhe kommt. Die Figur verschmilzt mit dem Umfeld, sie ist ganz bei sich.
So entsteht eine monochrom- gelassene Betrachtung; Peter Marggraf spricht
davon, daß seine beigelegten Arbeiten auf die Texte in seiner Buchreihe
„reagieren“, handwerkliches Können verbindet sich so mit kollegialer
Nachbarschaft.
Mehr Informationen zu dem Buch "Unter dem Milchstraßengelächter" finden Sie
hier
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