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Portrait Nikolaus Lenau (gemalt von
Friedrich Ameling) |
Nikolaus Lenau "Stimme des Windes"
Nikolaus Lenau
STIMME DES WINDES
In Schlummer ist der
dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu
tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.
Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf
durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele,
schweigenstrunken.
Horch! Überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von
meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen,
Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters,
der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.
Torsten Kantor
Nikolaus Lenau, mit bürgerlichem Namen Nikolaus Franz Niembsch von
Strehlenau, wurde am 13. August 1802 in Csatád im Königreich Ungarn geboren.
Er wuchs in einer deutschsprachigen Familie auf, die früh den Vater verlor,
was die wirtschaftliche Lage verschlechterte und seine Kindheit
überschattete. Lenau studierte in Wien und Pest zunächst Philosophie, dann
Medizin und später Rechtswissenschaften, ohne sich jedoch auf eine
berufliche Laufbahn festzulegen. Schon in dieser Zeit wandte er sich
intensiv der Dichtung zu. Sein literarisches Schaffen begann in den
1820er Jahren, und 1832 erschien sein erster Gedichtband. Noch im selben
Jahr verließ Lenau Europa und wanderte nach Amerika aus, in der Hoffnung auf
ein freies, naturnahes Leben. Die Realität des amerikanischen Alltags
enttäuschte ihn jedoch, und er kehrte bereits 1833 zurück. Diese Erfahrung
verstärkte den Pessimismus, der viele seiner Werke prägt. In den folgenden
Jahren veröffentlichte er bedeutende Dichtungen wie „Faust“ (1836),
„Savonarola“ (1837) und „Die Albigenser“ (1842). Ab den 1840er Jahren
verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand. Eine schwere psychische
Erkrankung, vermutlich infolge einer Syphiliserkrankung, führte 1844 zu
einem Zusammenbruch. Die letzten sechs Jahre seines Lebens verbrachte Lenau
in einer Nervenheilanstalt in Oberdöbling bei Wien, wo er am 22. August 1850
verstarb. Die besondere Eigenart von Lenaus Lyrik liegt in ihrer
Stimmungstiefe. Seine Gedichte sind von einer tiefen Melancholie durchzogen,
die aus der Erfahrung der Vergänglichkeit und der Enttäuschung über die Welt
erwächst. Häufig erscheinen Landschaften bei Lenau nicht als neutrale
Szenerie, sondern als Spiegel innerer Zustände: Nebel, Abendlicht,
Herbstlaub oder ziehende Wolken werden zu Symbolen der menschlichen
Sehnsucht und Vergänglichkeit. Die Natur in Lenaus Gedichten wirkt selten
lebensprall; vielmehr ist sie gedämpft, still und von einem leisen
Abschiedston durchzogen. Auch in der Sprache spiegelt sich diese Haltung:
weiche Lautfolgen, melodischer Rhythmus und eine fast musikalische
Wiederholung bestimmter Bilder erzeugen einen meditativen Ton. Sehnsucht ist
bei Lenau keine hoffnungsvolle Vorwärtsbewegung, sondern ein schmerzlicher
Ausdruck des Nichtankommens. Seine Werke tragen oft eine
religiös-existenzielle Dimension. Lenau ringt mit Fragen nach Gott und dem
Sinn des Lebens, schwankt zwischen gläubiger Andacht und verzweifeltem
Zweifel. Diese Spannung, gepaart mit seiner Fähigkeit, seelische Zustände in
eindringliche Naturbilder zu fassen, macht ihn zu einer unverwechselbaren
Stimme der Spätromantik und des Biedermeiers. Zusammenfassend läßt sich
sagen, daß Nikolaus Lenau als Dichter den Ton einer stillen, von Weltschmerz
getragenen Melancholie geprägt hat. Seine Gedichte sind wie ein langer
Herbstabend – von Schönheit erfüllt, aber von einer leisen, unausweichlichen
Traurigkeit durchzogen.
Mehr Informationen zu dem Buch "Die
Stimme des Windes" finden Sie hier
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