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     Portrait Friedrich Hölderlin (Gemalt von Karl Stiemer)

 

Friedrich Hölderlin "Umhüllt vom Abendlicht"

 

Friedrich Hölderlin


HÄLFTE DES LEBENS

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.



 

Torsten Kantor

Friedrich Hölderlin (1770–1843). Geboren am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, verlor er früh seinen Vater und wuchs in einer streng pietistischen Umgebung auf. Diese frühe Erfahrung von Verlust und religiöser Strenge prägte sein Leben und seine Dichtung nachhaltig. Nach seiner Schulzeit am Tübinger Stift, wo er unter anderem mit Hegel und Schelling befreundet war, widmete er sich der Philosophie und Literatur, ohne jedoch eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen, wie es ursprünglich vorgesehen war.
Sein Leben verlief unstet: Tätigkeiten als Hauslehrer, Reisen und vor allem eine leidenschaftliche, aber unerfüllte Liebe zu Susette Gontard (seine „Diotima“) hinter-
ließen tiefe Spuren in seiner Seele. Ab etwa 1806 verschlechterte sich sein geistiger Zustand so stark, daß er die letzten 36 Jahre seines Lebens weitgehend zurückgezogen in Tübingen verbrachte – in dem heute berühmten „Hölderlinturm“ am Neckar.
Die Stimmungen in Hölderlins Gedichten sind vielschichtig und oft von Spannungen geprägt. Einerseits steht da eine helle, hymnische Begeisterung für Natur, Freiheit und das Ideal des antiken Griechenlands. In Oden wie „Hälfte des Lebens“ wird die Schönheit der Welt in strahlenden Bildern gefeiert – goldene Felder, schimmernde Seen, klare Himmelsweiten. Diese Helligkeit ist jedoch fast immer von einer leisen Melancholie durchzogen, einer Ahnung der Vergänglichkeit.
Gerade diese Ambivalenz macht seine Lyrik so eindrucksvoll: Häufig schwingt zwischen den Zeilen eine sehnsuchtsvolle Trauer mit, eine Erfahrung von Entfremdung und Einsamkeit in einer Welt, die das Ideal nicht zu erfüllen vermag. In vielen Gedichten bricht eine fast mystische Naturverbundenheit hervor, in der Landschaft und menschliche Seele ineinanderfließen – und doch ist da immer wieder der Schmerz des Getrenntseins.
Charakteristisch ist auch eine Stimmung, die man als „erhabene Schwermut“ bezeichnen könnte: das Bewußtsein, daß die großen Ideale – Harmonie, Schönheit, göttliche Nähe – nur in Augenblicken aufleuchten und dann unwiederbringlich entschwinden. Hölderlin gelingt es, diese Momente in kunstvoller Sprache festzuhalten, ohne den Bruch zu verschweigen.
So bleibt sein Werk ein Zeugnis der Spannung zwischen ekstatischer Weltbejahung und tiefer Verzweiflung. Vielleicht liegt gerade darin die zeitlose Kraft seiner Dichtung: in der ehrlichen Darstellung menschlicher Sehnsucht, die sich nie ganz erfüllt, und der Schönheit, die im Bewußtsein ihrer eigenen Vergänglichkeit noch intensiver leuchtet.

 

Mehr Informationen zu dem Buch "Umhüllt vom Abendlicht" finden Sie hier