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     Portrait Franz Grillparzer (Lithographie von Josef Kriehuber)

 

Franz Grillparzer "Du dunkle Nacht"

 

Franz Grillparzer


VERWANDLUNGEN

I

Wie bist du schaurig,
Du dunkle Nacht!
Hier waren Wiesen,
War Farbenpracht.

Doch kaum zur Rüste
Der Sonne Schein,
So sank zur Wüste
Das Eden ein.

Hier ist die Stelle,
Hier stand das Haus,
Ich such’, ich taste
Und find’s nicht aus.

II

Doch stand es einmal,
So steht’s wohl noch,
Harr’ du der Sonne,
Sie kommt wohl doch,

O wäre jeder,
Nur jeder Nacht
So nah und sicher,
Was hell sie macht.

III

Nur einmal zögert’s,
Stellt sich nicht ein,
Das helle Frühlicht,
Der Sonnenschein.

Das ist am Morgen
Zu jener Frist,
Da nachts du vorher
Gestorben bist.


 

Torsten Kantor

Franz Grillparzer wurde am 15. Januar 1791 in Wien geboren und wuchs in einer bürgerlichen Familie auf. Sein Vater, ein strenger Advokat, vermittelte ihm Pflichttreue und Ernst, während die Mutter, künstlerisch inte-ressiert und musisch begabt, seine Liebe zur Literatur förderte. Grillparzers Jugend war von den gesellschaftlichen Umbrüchen der napoleonischen Zeit geprägt. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften an der Universität Wien und trat später in den Staatsdienst ein. Diese berufliche Tätigkeit blieb für ihn eine Pflicht, nicht eine Leidenschaft – sein Herz gehörte der Dichtung.
Grillparzer ist vor allem als Dramatiker des österreichischen Biedermeier bekannt. Werke wie „Die Ahnfrau“ (1817), „Sappho“ (1818) oder das später entstandene „Der Traum, ein Leben“ (1834) zeigen seine Meisterschaft in der dramatischen Form. Dennoch schrieb er auch Gedichte, in denen er eine sehr persönliche Seite offenbarte. Diese Lyrik, oft weniger bekannt als seine Bühnenwerke, trägt stark melancholische Züge.
Die Stimmungen in Grillparzers Gedichten sind meist geprägt von einer leisen Schwermut, Nachdenklichkeit und einer gewissen Resignation. Häufig thematisiert er Vergänglichkeit, verpaßte Chancen und die unerreichbare Harmonie zwischen Ideal und Wirklichkeit. Dabei findet sich in seinen Versen eine Mischung aus stiller Wehmut und gelassener Einsicht. So wie im Biedermeier oft der Rückzug ins Private und die Betonung der Innerlichkeit im Vordergrund standen, spiegelt auch Grillparzers Lyrik eine Hinwendung zu inneren Empfindungen und eine Skepsis gegenüber der äußeren Welt wider.
Diese Melancholie ist jedoch nicht gleichbedeutend mit völliger Hoffnungslosigkeit. Zwischen den Zeilen schimmert oft eine stille Sehnsucht nach Schönheit und seelischer Ruhe durch. Grillparzers Gedichte sind von feiner sprachlicher Form, klaren Bildern und einer oft musikalischen Rhythmik geprägt. Sie wirken wie ein leiser Monolog des Dichters mit sich selbst – ein Gespräch, das weniger Antworten als Einsicht bringt.
Franz Grillparzer starb am 21. Januar 1872 in Wien. Er hinterließ ein Werk, das nicht nur ein literarisches Zeugnis seiner Zeit ist, sondern auch tiefe Einblicke in das Innenleben eines sensiblen, oft zerrissenen Menschen gewährt. Seine Gedichte bleiben als stille, aber eindringliche Stimmen erhalten, die von der Zartheit und Zerbrechlichkeit menschlicher Empfindung erzählen.

 

Mehr Informationen zu dem Buch "Du dunkle Nacht" finden Sie hier