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     Portrait Annette von Droste-Hülshoff

 

Annette von Droste-Hülshoff "Und Blüten taumelten"

 

Annette von Droste-Hülshoff


IM GRASE

Süße Ruh, süßer Taumel im Gras,
Von des Krautes Arome umhaucht,
Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut,
Wenn die Wölk’ am Azure verraucht,
Wenn aufs müde, schwimmende Haupt
Süßes Lachen gaukelt herab,
Liebe Stimme säuselt und träuft
Wie die Lindenblüt’ auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann,
Jede Leiche sich streckt und regt,
Leise, leise den Odem zieht,
Die geschloßne Wimper bewegt,
Tote Lieb’, tote Lust, tote Zeit,
All die Schätze, im Schutt verwühlt,
Sich berühren mit schüchternem Klang
Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt

Stunden flücht’ger ihr als der Kuß
Eines Strahls auf den trauernden See,
Als des ziehenden Vogels Lied,
Das mir nieder perlt aus der Höh,
Als des schillernden Käfers Blitz,
Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,
Als der heiße Druck einer Hand,
Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur
Dieses eine mir: für das Lied
Jedes freien Vogels im Blau
Eine Seele, die mit ihm zieht,
Nur für jeden kärglichen Strahl
Meinen farbig schillernden Saum,
Jeder warmen Hand meinen Druck,
Und für jedes Glück meinen Traum.



 

Torsten Kantor

Annette von Droste-Hülshoff wurde am 10. Januar 1797 auf der Wasserburg Hülshoff bei Münster geboren. Sie entstammte dem westfälischen Adel und wuchs in einer konservativen, katholischen Familie auf. Schon früh zeigte sich ihre außergewöhnliche literarische Begabung, die jedoch zunächst im engen Kreis der Familie gefördert wurde. Ihre Erziehung war von Musik, Literatur und Naturerfahrungen geprägt – Elemente, die später in ihre Werke einflossen.
Ihr Leben verlief nicht ohne Konflikte: Als Frau in einer patriarchal geprägten Gesellschaft und als Adlige, die sich der Literatur widmete, stand sie zwischen traditionellen Rollenerwartungen und ihrem eigenen künstlerischen Anspruch. Gesundheitliche Schwächen und ein sensibles Naturell verstärkten ihre Tendenz zur Zurückgezogenheit. Dennoch knüpfte sie wichtige literarische Kontakte, etwa zu Levin Schücking, der ihre Arbeit förderte.
Besondere Berühmtheit erlangte sie mit ihrer Novelle „Die Judenbuche“ (1842), einem frühen Werk des realistischen Erzählens. Noch deutlicher als in ihrer Prosa aber offenbart sich ihr dichterisches Talent in der Lyrik. Ihre Gedichte sind geprägt von einer tiefen Naturverbundenheit, einer feinen psychologischen Beobachtungsgabe und einer oft melancholischen Grundstimmung.
In vielen ihrer Gedichte – etwa in den Zyklen „Geistliches Jahr“ oder „Heidebilder“ – finden sich Stimmungen, die zwischen zarter Idylle und geheimnisvoller Unruhe schwanken. Die Natur ist bei ihr nie nur Kulisse, sondern Spiegel innerer Regungen. Ein stiller See kann ebenso Frieden wie Bedrohung ausstrahlen; der Abendhimmel kann in sanftem Gold leuchten, aber auch düstere Vorahnungen bergen. Diese Ambivalenz schafft eine eigentümliche Atmosphäre, die für ihre Dichtung charakteristisch ist: Schönheit und Vergänglichkeit, Ruhe und unterschwellige Spannung liegen oft dicht beieinander.
Die Melancholie in ihren Versen ist selten resignativ, sondern besitzt eine tiefe kontemplative Kraft. Man spürt die Sensibilität einer Dichterin, die die leisen Regungen der Seele ebenso ernst nimmt wie die großen Themen von Glaube, Schuld und Vergänglichkeit. Ihre Sprachbilder sind präzise, plastisch und musikalisch – das Ergebnis einer langen handwerklichen Arbeit, denn Annette von Droste-Hülshoff feilte intensiv an jedem Vers.
Annette von Droste-Hülshoff starb am 24. Mai 1848 auf Schloss Meersburg am Bodensee. Sie hinterließ ein Werk, das erst postum in vollem Umfang anerkannt wurde und heute als bedeutender Bestandteil der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt. Ihre Gedichte leben nicht nur von inhaltlicher Tiefe, sondern auch von der Fähigkeit, ganze emotionale Landschaften in wenigen Zeilen entstehen zu lassen – zwischen stiller Andacht, Naturmystik und feinsinniger Melancholie.


 

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