|
STARTSEITE
I
AKTUELLES
I
PETER
MARGGRAF
I
BILDHAUER UND ZEICHNER
I
SAN MARCO HANDPRESSE I
VENEDIGPROJEKT
I
I
LIBRI BIANCHI
I
KONTAKT
NEUE PLASTIKEN
 |
|
 |
|
 |
|
|
|
|
|
|
 |
|
 |
|
 |
|
|
|
|
|
|
|
Die Stuck-Arbeiten von Peter Marggraf zum
Thema „Gehalten“ wurden in den Jahren 2023, 2025 und 2026
geschaffen. Die Plastiken (ca. 25 cm hoch) wurden in Wachs
modelliert und anschließend mit Hilfe einer Silikonform in Gips
gegossen. |
|
|
|
|
Das getragene Leid
Zur stillen Gegenwart der Pietà bei Peter
Marggraf
Torsten Kantor
Die Pietà, das Bild der trauernden Mutter mit dem
toten Sohn im Arm, gehört zu den tiefsten und zugleich erschütterndsten
Bildfindungen der europäischen Kunstgeschichte. In ihr verbinden sich
Schmerz, Liebe, Verlust und Trost zu einer Darstellung von universeller
Gültigkeit. Von den mittelalterlichen Vesperbildern über die große Plastik
der Renaissance bis in die Moderne hinein blieb das Thema lebendig, weil es
weit über die christliche Ikonographie hinausweist: Die Pietà ist Sinnbild
menschlichen Leidens schlechthin. In den neuen Stuckplastiken des Bildhauers
und Zeichners Peter Marggraf erfährt dieses uralte Motiv eine bemerkenswert
stille und zugleich gegenwärtige Erneuerung.
Marggraf, 1947 in Ehlbeck bei Lüneburg geboren,
gehört zu jenen Künstlern, die sich unbeirrt außerhalb modischer Strömungen
bewegen. Seine Ausbildung führte ihn von der Werkkunstschule Hannover über
Hamburg bis an die Hochschule für Bildende Künste Braunschweig zu Professor
Emil Cimiotti, dessen Meisterschüler er wurde. Früh verband sich seine
plastische Arbeit mit einer intensiven zeichnerischen Auseinandersetzung.
Seit 1968 führten ihn jährliche Aufenthalte immer wieder nach Venedig, wo
ihn insbesondere Tintoretto und die Bildsprache des Manierismus nachhaltig
prägten. Doch ebenso entscheidend für sein heutiges Werk wurde die
wiederholte Begegnung mit den großen Pietà-Darstellungen der
Kunstgeschichte.
Zu diesen gehört auch das bewegende Ölgemälde „Pietà“ von Vincent van Gogh,
das nach einer Vorlage von Eugène Delacroix entstand. Van Gogh malte das
Bild 1889 während seines Aufenthaltes in Saint-Rémy-de-Provence; heute
befindet es sich im Van Gogh Museum in Amsterdam. In dieser Darstellung
steigert sich das Motiv der Pietà in eine visionäre Farbigkeit und
emotionale Intensität. Der tote Christus liegt schwer und hingebungslos im
Schoß der Mutter, während das Blau des Gewandes und die glühenden Gelbtöne
der Umgebung eine beinahe metaphysische Spannung erzeugen. Van Gogh
verwandelt das religiöse Thema in ein zutiefst persönliches Bild des Leidens
und der menschlichen Verlassenheit. Gerade diese existentielle Verdichtung,
die über jede bloße Illustration hinausgeht, findet auch bei Marggraf ein
Echo. Noch
nachhaltiger wirkte jedoch die Begegnung mit der sogenannten Rondanini-Pietà
von Michelangelo im Castello Sforzesc. Diese letzte, unvollendet gebliebene
Arbeit Michelangelos gehört zu den rätselhaftesten Werken der europäischen
Plastik. Anders als die berühmte vatikanische Pietà strebt sie nicht mehr
nach harmonischer Vollendung. Die Figuren scheinen aus der Materie erst
hervorzutreten; Körper und Gegenkörper lösen sich ineinander auf, als wäre
die Form noch im Werden begriffen. Gerade diese „Unfertigkeit“ hat Peter
Marggraf bei seinen wiederholten Besuchen in Mailand tief beeindruckt. Immer
wieder stand er vor der Plastik, fertigte Skizzen an und studierte die
Auflösung der Form in ihrer fragilen Vertikalität.
Für Marggraf wurde die Rondanini-Pietà zu einem
Schlüsselwerk. Nicht die klassische Geschlossenheit interessierte ihn,
sondern das Fragmentarische, Suchende, Offene dieser späten Arbeit
Michelangelos. In der scheinbaren Unvollendung erkannte er eine Wahrheit der
Form, die dem menschlichen Leiden näher kommt als jede glatte Perfektion.
Diese Erfahrung wirkt unmittelbar in seine neuen Pietà-Plastiken aus Stuck
hinein. Auch dort erscheinen die Figuren nicht abgeschlossen oder monumental
gefestigt, sondern tastend entwickelt, teilweise nur angedeutet, aus der
Masse hervortretend und zugleich wieder in sie zurücksinkend.
Die Mutterfigur wird bei Marggraf nicht als
individuelle Erscheinung gezeigt, sondern als Chiffre des Haltens und
Tragens. Der tote Sohn liegt nicht dramatisch ausgebreitet in ihrem Schoß;
vielmehr entsteht zwischen beiden Körpern ein stilles Spannungsverhältnis
von Last, Nähe und Auflösung. Oft scheinen die Formen ineinander
überzugehen, als könne das eine Wesen ohne das andere nicht existieren.
Gerade hierin zeigt sich die Nähe zur Rondanini-Pietà Michelangelos, deren
Figuren ebenfalls zu einer einzigen leidenden Bewegung verschmelzen.
Das Material des Stucks unterstützt diese Wirkung
in besonderer Weise. Seine matte, empfindliche Oberfläche bewahrt jede
Berührung der Hand und verleiht den Arbeiten eine beinahe verletzliche
Präsenz. Anders als Bronze oder Marmor besitzt Stuck nichts Repräsentatives;
er bleibt fragil, offen und menschlich. Marggraf nutzt diese Eigenschaften,
um den Eindruck eines tastenden, meditativen Entstehungsprozesses sichtbar
zu machen. Die Plastik erscheint nicht als fertiges Resultat, sondern als
Spur eines inneren Ringens um Form.
Bereits in früheren Werkgruppen beschäftigte sich
Marggraf mit dem Thema des „Getragenwerdens“. So entstanden 2016 die
Zeichnungen zur Serie „Stabat mater – Gehalten“, die später auch in das
Künstlerbuch „Wie eine Linie dunkelblauen Schweigens“ mit Gedichten von
Selma Meerbaum-Eisinger Eingang fanden [I libri bianchi, Band 39]. Diese
Blätter besitzen bereits jene konzentrierte Ruhe, die nun in den
Stuckplastiken eine plastische Entsprechung findet. Die Linien der
Zeichnungen scheinen gleichsam in den Raum überzugehen und dort zu Körpern
zu werden.
Marggrafs Pietà-Darstellungen stehen damit in einer langen Tradition, ohne
historisierend zu wirken. Sie erinnern an Michelangelo und zugleich an die
erschütternde Menschlichkeit bei Käthe Kollwitz, deren trauernde
Mutterfiguren jede heroische Überhöhung verweigern. Wie bei Kollwitz geht es
auch Marggraf nicht um religiöse Illustration, sondern um eine existentielle
Erfahrung von Verlust und Mitgefühl. Dennoch besitzen seine Arbeiten eine
eigentümliche Distanz und Stille. Das Leid wird nicht expressiv ausgestellt,
sondern in eine ruhige, konzentrierte Form überführt.
Gerade darin liegt ihre heutige Bedeutung. In
einer Zeit allgemeiner Beschleunigung und äußerer Reizüberflutung schaffen
diese Plastiken einen Raum der Kontemplation. Sie fordern kein rasches
Verstehen, sondern langsames Sehen. Die Fragmentierung der Formen, die
Offenheit des Materials und die stille Würde der Figuren lassen die Pietà zu
einem Bild unserer Gegenwart werden: verletzlich, unsicher und dennoch von
einer inneren Haltung getragen.
Peter Marggraf gelingt es, das uralte Thema der
Pietà von jeder Sentimentalität zu befreien und zugleich seine menschliche
Tiefe neu erfahrbar zu machen. Seine Stuckplastiken zeigen nicht nur die
trauernde Mutter mit dem toten Sohn; sie zeigen das fragile Verhältnis des
Menschen zu Schmerz, Erinnerung und Trost. In ihrer bewußten Nähe zur
unvollendeten Rondanini-Pietà Michelangelos liegt dabei kein Zitat, sondern
eine geistige Verwandtschaft. Wie dort bleibt die Form offen, tastend und
suchend — und gewinnt gerade daraus ihre eindringliche Wahrheit.
Die
Plastiken wurden neben Skizzen zum Thema "Gehalten" in dem Buch
"Alfonsina Storni. Ein Tropfen bitterer
Süsse", Band 78 der Reihe "I libri bianchi" wiedergegeben.
Mehr Informationen finden Sie hier
►
|
|
 |
| |
|
|
| |
|
|
|
| |
|
|
| |
|
|
Weitere Abbildungen (Graphitzeichnungen) zum Thema "Getragen" finden
Sie in dem Buch "Selma Meerbaum-Eisinger. Wie eine Linie
dunkelblauen Schweigens", Band 39 der Reihe "I libri bianchi".
Mehr Informationen finden Sie hier
► |
|
 |
Sie können über die E-mail Adresse oder per Post
Bücher bei der San Marco Handpresse bestellen und bekommen dann eine
Rechnung zugeschickt. Nach Eingang des Rechnungsbetrages erhalten Sie
umgehend in stabiler Verpackung die gewünschten Bücher oder Mappen
versichert zugesandt. Möchten Sie weitere Informationen, oder möchten Sie
uns etwas mitteilen, benutzen Sie unsere
Kontaktmöglichkeiten
►
SAN MARCO HANDPRESSE. Peter
Marggraf. Im Winkel 5. D-31535 Neustadt. Telefon: +49 (0)5032 / 7936. Mail:
p.marggraf@t-online.de
|