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Rüdiger Görner

Der letzte Mönch von San Michele

Eine venezianische Fantasie

 

Venezianische Frauen

Fotoarbeiten von Peter Marggraf

 

Oliver Kohler 

 

Im Dunkel ruht alles. Bevor das Leben erwacht. Die erste Seite der hebräischen Bibel benennt die Urfinsternis. Kehren dorthin nicht die zurück, deren Leben endet? Ein merkwürdiger Kontrast entsteht, wenn sie auf einer Insel gebettet werden. Wie es in Venedig geschieht. Die Insel kann Einsamkeit, ja Verlassenheit verkörpern, doch steht sie zuerst und vor allem für einen reizvollen Zusammenklang der Elemente Erde und Wasser, von Festem und Flüssigem. Kein Unort ist sie und soll doch die Schatten bergen? Rüdiger Görners Gedicht betritt  in einem Gestus des Erstaunens die Insel. Die erwartbare Reglosigkeit stellt sich nicht ein,  „Taubenschwärme kreisten über San Michele“. Hier, wo Ruhe den Grundton formt, findet das lyrische Ich eine irritierende Vielzahl kaum deutbarer Bewegungen und Veränderungen. Dieses elementare Verstört-Sein grundiert das Sprachkunstwerk. Etwas bewegt sich an gegen die im Stein versiegelte Endgültigkeit des Unbewegbaren. Die Zeit der Toten ist aufgebraucht. Hier aber, auf ihrer Insel, werden Stunden sichtbar im Wandel der Farben:


„Spät war, nach der Vesper bereits,

Türkis leuchtete der Abend;

Rot, dann Violett, dann dunkles Blau

Entquoll den Urnenwänden,

Als bluteten sie …“

 

Die Gegenläufigkeit der Zeit verleiht den Fotoarbeiten von Peter Marggraf eine unwirkliche Wirklichkeit, eine Ästhetik des Erwachens aus einem Schlaf, der als endgültig galt. Das Gedenken der Verstorbenen bewahren auf der Friedhofsinsel Portraits, gefertigt als Platten aus Porzellan und an den Grabsteinen befestigt. Marggraf sucht und findet sie in einem über zehn Jahre währenden Schaffensprozess. Er nimmt den Porträts nicht die Spuren von einhundert Jahren seit ihrer Anbringung, er dokumentiert und restauriert nicht. Stattdessen läßt er die Patina, das Verbleichen, Abblassen, die Sprünge und Risse in einen Dialog treten mit der memorierten Person. Manche von ihnen versinken in Unkenntlichkeit, als gingen sie unter in einem tiefen Wasser. Diese Wehrlosigkeit anerkennt den Tod, ohne ihm eine Totalität zuzueignen. Ins Bild finden Momentaufnahmen von Veränderungen. Sind sie Teil eines Vergehens? Oder tragen die Bildflächen erste Spuren des Windes an sich, der in Hesekiels Vision über den Arealen der Toten aufkommt und die Gebeine neu verfugen wird?

 

 

Sieht der Fotokünstler auf die Gräber selbst, folgt der Blick des Schriftstellers der Gestalt eines einzelnen Mönchs. Sein Habitus verortet ihn als möglichen Seelenwächter angemessen, zugleich ist er fragwürdig, evoziert Frage um Frage:

„Wer bist du, Mönch? Wer warst du?

Wer willst du sein?“

Für die Insel sind Antworten nicht wirklich wichtig. Gerade der Wortlose findet und fugt sich hier ein. Er wird zum „Mönch der Toten“. Virtuos gelingt es dem Schriftsteller, die Subtraktion lyrischen Sprechens mit dem Narrativ des Erzählers zu verweben. Er schafft Handlungsinseln in einem Gewässer des unaufhörlich Bewegten. Die beiden Protagonisten - die Frau und der Mann - durchlaufen keine erzählbare Entwicklung. Die markanten Momente ihrer Begegnungen sind aber unauslöschlich. Ihre Trennung ist Teil eines Wasserspiels, in dem die Zeit nebensächlich wird. Das macht den Mönch bereit für die Toten und die Geliebte für ihren eigenen Tod.

 

Görner erkennt die Zeichen der Zeit. Die Spätmoderne erstreckt sich als eine riesige Bühne. Überzeugungen und Haltungen werden auf ihr gewechselt wie Kostüme. Das Beliebige korrespondiert mit der Erosion des vermeintlich Starken. So ist es kein Zufall, sondern eine bewußte Setzung, diesen Mönch als den „letzten“ zu benennen. Die Kirche, deren Kleidung er trägt, und mehr noch, deren Glaube er verkörpern will, war die Hervorbringerin subtiler Strukturen bis hin zu Begräbnisriten. Längst ist sie nicht mehr tonangebend. Das Langgedicht bezeugt ein Unwetter. Gläser von Murano zerspringen darin und die vermeintlichen Verankerungen einer Geschichte des Heils. Lange schon geht es nicht mehr um das Primat einer Konfession. Der biblische Glaube selbst ist Ziel eines Orkans:


„… und dann, daß Heiden

Kamen, uns zu missionieren, sie tanzten

Um Totems und priesen die Götter

Und lachten über den unseren, einen.

Sie zeigten auf mich und lachten,

Und es schwanden die Kreuze

Auf den Gräbern; kein Donner

Kam mir zu Hilfe; und es durchzuckte

Ein Beben San Michele, und vollends

Zerbrachen die Glocken.“


Nirgendwo erhebt das Gedicht die Klage über die Säkularisierung. Letzter zu sein hat hier nichts Heldenhaftes, als verteidige ein einzelner das Schützenswerte gegen eine feindliche Übermacht. Görner bleibt in Distanz zu den Verschiebungen und Umgewichtungen. Stattdessen sieht er das Erodierende in der inneren Biographie des Mönchs. Eine von Buddha geweihte Kutte verbirgt er wie einen Schatz. Wesentlicher ist nur noch eine Erfahrung der Liebe. Der Ehelosigkeit Gelobende fand die eine Partnerin, fand „Carina“. „Wir warfen Schatten, die alleine sich berührten …“. Das Licht ist nicht stark genug für ein Miteinander. Er geht ins „Totenkloster“, sie „tauchte ins Leben ein“. Glamourös, medial präsent, nicht verschattet, sondern in Blitzlichtern unabhängig werden von Nacht und Tag. Einmal noch kreuzt der letzte Mönch ihren Blick. Es ist ihre letzte Stunde.

 

In sieben Strophen entfaltet sich das Gedicht, dem Band auch in einer Übertragung ins Italienische durch Simona Leonardi und Eva-Maria Thüne beigegeben. Es maßt sich nicht an, eine Nähe zu den Bestatteten schaffen zu können. Sie sind die stummen Passanten, verstreut in den endlosen Reihen eines Welttheaters. Zeugen werden sie einer Flamme, die zwei Menschen entzündet. Ob sie etwas von deren Wärme spüren, niemand kann es wissen. Auch der Autor nicht. Er greift die uralte Behauptung des Hohenliedes auf, Liebe sei so stark wie der Tod. Sie weckt die Klänge und Farben auf der fahlen Insel. Oder heißt es nicht sogar, die Liebe sei stärker?

 

Wortbilder und Bildworte durchdringen sich in dem schmalen Band zu einer eigentümlich intensiven Ästhetik. Sie weitet die Wahrnehmung über das Künstlerische zu einem Humanum. Lesend und betrachtend gilt es immer wieder, eine unsichtbare Schwelle zu überschreiten. Diese Kunst betritt Randzonen des Todes. Sie überlässt die wehrlos Gewordenen nicht dem immer währenden Schweigen und einem fortschreitenden Verblassen. Sie sind da, immer noch, immer neu, immer anders. Ob es im Sinne Thornton Wilders eine Brücke gibt zwischen dem Land der Lebenden und der Toten, dieses Kunstwerk stellt zumindest die Frage. Das ist viel.

 

 

 

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