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I libri bianchi Band 13

Jean Paul
Leben des vergnügten Schulmeisterlein
Maria Wutz in Auenthal
Erschienen im Herbst 2015, gesetzt aus der Garamond. Peter Marggraf Sechs Portraits (Radierungen) von Jean Paul. 
Das Korrektorat übernahm Johann P. Tammen. Mit beigelegten Anmerkungen und Erläuterungen von Johann P. Tammen.
Preis: 25 Euro zuzüglich Versand.

Mehr Informationen finden Sie hier 

 

Jean Pauls legendäres „Schulmeisterlein Wutz“:
Einer, wie es sonst keinen gibt auf der Welt ...
Peter Marggrafs neueste Handpressen-Rarität
Eine Mehrfachbelohnung für kundige Leser

 

Von Johann P. Tammen

Es ist die Nacht zum 21. März“, so ruft es Günter de Bruyn in seiner Jean-Paul-Biographie (Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter, das legendäre Buch eines Außenseiters über einen Außenseiter; ein wahrlich außergewöhnliches Literaturdokument) für uns auf: „Mit dem Kind zugleich kommt der Frühling, wie immer sehnlich erwartet.“ Denn noch regiert der Winter – und zwar unerbittlich: „In den meist zu engen Wohnungen der Kleinbürger ist selten mehr als eine Stube heizbar ... Das macht die Freude verständlich, mit der noch der alte Jean Paul immer wieder betont, daß der Frühling und sein Leben zugleich begonnen haben.“
Zu verorten ist diese Nacht in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: 1763, im fränkischen Wunsiedel. Heute erinnert – dem Geburtshaus gegenüber – ein Brunnen an den hierorts Geborenen. „Dem größten Dichter Frankens“, so der über alle Fettnäpfchen hinweg flirrende stolzfarbene Jubler der Nachgeborenen.
Ein Uhr dreißig in dieser Nacht wird das Kind geboren: „Es lebt und ist gesund“, lesen wir bei de Bruyn, „was damals als selbstverständlich nicht gelten kann.“ Sieben Kinder bringt Rosine Richter im Laufe ihrer Ehe zur Welt. Zwei von denen überleben schon die ersten ihrer heiklen Erdentage nicht.
Die hygienischen Zustände in dieser abgelegenen Randlage der Fichtelgebirgsregion waren zur damaligen Zeit schlicht katastrophal, die Hebammen überfordert, die Ärzte für untere Schichten der Bevölkerung quasi nicht existent. Außerdem waren die Ärzte Männer – und Männer als Geburtshelfer hinzuziehen, das galt zu der Zeit und lange noch später als unschicklich.
„Auch die falsche Pflege der Säuglinge führt oft zu ihrem Tod“, so schildert de Bruyn diese Zeitumstände: „Da man fürchtet, daß sie sich beim Schreien Brüche zuziehen, daß sie krumm, lahm, bucklig werden, wickelt man sie so fest ein, daß sie kein Glied bewegen können. Viele gehen an einseitiger Überfütterung mit Mehlbrei zugrunde. Bedenkenlos werden als Schlafmittel Branntwein und ausgekochter Mohn verwendet.“
Die Ärmlichkeit und Enge des Milieus, die soziale Not und Bedrängnis, bleiben prägend für den Wirklichkeitserforscher und Lebensvielfaltsschilderer Jean Paul, der später erfahrungsklug – eine erste Lebenssumme bilanzierend – prononciert zu bekennen weiß, „... daß ich die armen Menschen lieben soll“.
Jean Paul ist das Kind – Sohn und Enkel – von Schulmeistern. Und damit ist zu dieser Zeit auch festgelegt und kaum irgendwie zu bessern: Er ist der Sohn von Hungerleidern. Sein Großvater mußte sich als Rektor in Neustadt am Kulm mit 150 Gulden im Jahr bescheiden, ein Status, der sich erst änderte, so wird in ironischer Zuspitzung erzählt, als er am Ende seines Lebens mit 76 Jahren endlich eine bessere Stelle bekam, „und zwar auf dem Neustädter Friedhof, im Jahr von Jean Pauls Geburt“.
Der Vater ist da 36, seit kurzem verheiratet und eine kurze Weile erst Lehrer und Organist in Wunsiedel, allerdings letztlich noch ärmer dran als der Großvater. Er, der Vater, ist schließlich nicht Rektor, nicht Subrektor. Er ist lediglich Tertius, dritter Lehrer. Und das Lehrerelend dieser Zeit ist signifikant, für das „arme Dorfschulmeisterlein“ waren viele Verse in Spottliedern geläufig.
Jean Paul schildert all das und die darauffolgenden Kindheitsbedrängnisse und -wunderlichkeiten in üppigen Erzählfarben, nachzulesen im Fragment seiner Autobiographie, seiner „Selberlebensbeschreibung“, die bekanntermaßen erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde, dann aber sogleich auch den Unmut Goethes schürte: So etwas wie „Wahrheit aus Jean Pauls Leben“, das mußte nach „Dichtung und Wahrheit“ als Anmaßung erscheinen.
Während seine eigene Autobiographie „sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niederen Realität“ erhebe, so der Weimarer Großmeister zu Eckermann, bleibe Jean Paul ihr verhaftet: „Als ob die Wahrheit eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen!“ Harsch und falsch obendrein. Doch Goethes Irrtum blieb – wie wir wissen – nicht ohne Folgen.
Während Goethe seinen Lebenseintritt in Verbindung bringt mit Kosmischem („Die Konstellation war glücklich ...“), markiert Jean Paul, bevor er von der Schönheit und Überwältigungswucht der Natur ringsum schwärmt, von Schnepfen, Bachstelzen, Löffelkraut und Zitterpappeln, von Scharbockskraut, Ackerehrenpreis und Hühnerbißdarm, lauter Namen und Bezeichnungen, die klingen, als wären sie von ihm selbst erfunden, als das politische Hauptereignis seines Geburtsjahres – ganz der „niederen Realität“ verhaftet – dies: „Es war im Jahre 1763, wo der Hubertusburger Friede zur Welt kam ...“
Jean Paul unterstreicht damit dringlich das Datum dieser Friedensfeier zur Beendigung des Siebenjährigen Krieges. – Günter de Bruyn: „Der zerstörerischte, verlustreichste Krieg des 18. Jahrhunderts, der sich, unter Beteiligung fast aller europäischen Mächte, vorwiegend auf deutschem und böhmischem Boden abgespielt hatte, war beendet ... Am 15. Februar 1763 wurde ein Friede unterzeichnet, der deutlich wie selten die Sinnlosigkeit aller dieser Machtkämpfe beurkundete.“
Kindheit und Jugend erlebte Jean Paul in Joditz und später in Schwarzenbach an der Saale, wo der Vater als Pastor mühsam die Familienexistenz zu sichern sich mühte. Im Mai 1781 immatrikulierte er sich fürs Theologiestudium in Leipzig – und schrieb ab 1783 seine ersten Satiren (gesammelt erschienen als Grönländische Prozesse); Armut und Erfolglosigkeit waren für ihn zu der Zeit keine Fremdwörter.
Dem Postmeister Wirth in Hof schrieb er dazu am 14. November 1789: „Da ich die Wahl habe zu erfrieren oder zu schreiben: so thu’ ich das letztere ...“ Erst da, nach dreijährigem Gerangel mit Beckmann in Gera, seinem damaligen Verleger, dem er seinen Autorenfleiß unter Pseudonym anvertraute, erschienen 1789 neue Satiren: Auswahl aus des Teufels Papieren. Die aber, das ist verbürgt, verkauften sich noch schlechter als die früheren. Es blieb bei Armut, Kälte und Verdruß.
Schon 1784 mußte er erstmals vor seinen Gläubigern fliehen – und zog zur Mutter zurück nach Hof und arbeitete zunehmend geachtet als Privatlehrer. Im Siebenkäs wird er später – romanhaft überhöht – davon erzählen.
Hier, im legendären Romanort Kuhschnappel, einer schwäbischen Unortwahrhaftigkeit, wie sie so nur von Jean Paul ersonnen und verwirklicht sein kann, ist in all dem Figurengewimmel immer auch die Jean Paulsche „Verquickungskunst von Großem und Kleinem“ (Brigitte Kronauer) zu bewundern, nicht minder seine „ruhelose Himmelsstürmerei“. Da ist das eigene Todleben eingewoben und für die eigene Schnurrigkeit das Erzählen ein Ort der Bewährung, der nicht ständig neu legitimiert werden muß.
1790, im Frühjahr, kehrt Jean Paul, den es als Autor gleichen Namens zu dieser Zeit noch gar nicht gibt, an einen seiner Kindheitsorte zurück.
Und hier, in Schwarzenbach, erlebte er einen wohl entscheidenden Wendepunkt seines Lebens: Der Tod des Bruders Heinrich und der Freunde Oerthel und Hermann hatte ihn derart erschüttert, daß er daran zu zerbrechen drohte. Noch wenige Monate vor seinem frühen Tod hatte Hermann dem Freund im Brief prophezeit: „Ich und du sind ein Paar Genies, dies beweist unser gleiches elendes Schicksal“, damit aber nicht recht behalten, wohl aber die Erschütterung Jean Pauls ausgelöst, die Vorstellung von einer Existenz am Abgrund.
Günter de Bruyn markiert dieses Aufschrecken Jean Paul Friedrich Richters nach verbürgten Überlieferungen so: „Die Wirtin betritt Richters Zimmer und findet ihn bleich, verstört am Fenster stehen. Sie spricht ihn an, doch er hört nicht. Erst beim dritten Mal reagiert er, erwacht wie aus Hypnose und dankt der Frau, weil sie ihn durch ihr Kommen vor dem Ausbruch des Wahnsinns gerettet habe.“
Jean Paul ist da gerade 27 Jahre alt – und hat soeben, an einem Novemberabend, seinem Tagebuch anvertraut, daß es „schlechterdings kein Unterschied ist, ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe, daß alle Pläne und alles mir davonschwindet ...“. Und nur wenig später: „Ich empfand, daß es einen Tod gebe ... An jenem Abend drängte ich vor mein künftiges Sterbebette ... sah mich mit der hängenden Totenhand, mit dem eingestürzten Krankengesicht, mit dem Marmorauge – ich hörte meine kämpfenden Phantasien in der letzten Nacht ...“
Und diese Todesvision hatte sich nicht nur längst angekündigt, das Sterben ringsum war längst alltäglich geworden, aber hörte auch nicht auf, als eine Bedrohung zu erscheinen – und als solche fraß sie sich sozusagen fest auch im Werk, das nun alsbald immer üppiger sich auswuchs. Zahlreiche – vornehmlich satirische – Aufsätze und andere Textsorten verdeutlichen das: Für und wider den Selbstmord. – Hinlängliche Winke, wie mein Epitaphium sein soll. – Was für Sätze nach meinem Tode jährlich sollen erwiesen werden. – Meine Überzeugung, daß ich tot bin. – Das Leben nach dem Tode. – Meine lebendige Begrabung und andere in großer Zahl, kulminierend schließlich in dem wegweisenden Aufsatz Was der Tod ist.
„Aber nicht nur die Erfolglosigkeit seiner literarischen Bemühungen und der Tod der Freunde sind es, die ihn in die Depression treiben“, konstatiert de Bruyn, diese Zuspitzungen im damaligen Alltag Jean Pauls ausdeutend: „Der Sohn des strenggläubigen Pfarrers, der schon mit 13 Jahren seine philosophischen Studien begann, ist auch weltanschaulich in eine Krise geraten.“ Genau hier jedoch, sozusagen im Zenit der Krise, beschließt der vielfach vom Tod Berührte, sich „der Vergänglichkeit zu erwehren“ (Uwe Johnson).
„Ein ganzes horazisches Jahrneun hindurch“, hielt Jean Paul rückblickend 1821 fest, „wurde des Jünglings Herz von der Satire zugesperrt und mußte alles verschlossen sehen, was in ihm selig war und schlug, was wogte und liebte und weinte. Als es sich nun endlich im achtundzwanzigsten Jahre öffnen und lüften durfte: da ergoß es sich leicht und mild und wie eine warme überschwellende Wolke unter der Sonne – ich brauchte nur zuzulassen und dem Fließen zuzusehen ...“
Das beschreibt einen Zustand, eine neue Souveränität, die nun, wenige Wochen erst nach der zuvor skizzierten Todesvision, verläßlich sich einstellte. Und der Anhub zu dem heute als absolut singulär angesehenen Erzähltext Jean Pauls, der damals, im Dezember 1790, entstand, formt jene unvergleichlichen Anfangssätze, die Günter de Bruyn zufolge „gleich so schön“ sind, „daß man sie auswendig lernen sollte, wie ein Gedicht:
,Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: Deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern – und schon außer dem Grabe schliefest du sanft!‘“
Das Erzählwunder Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal ist 1793 als Anhang zum Roman Die unsichtbare Loge erschienen. Der Text entstand nahezu zeitgleich neben Fälbel’s Reise zu Beginn des Jahres 1791. Jean Paul Friedrich Richter sandte das Manuskript am 17. Februar an Georg Christian Otto, der Jean Paul nach dem Tod von Lorenz Adam von Oerthel alsbald zum engsten Freund und erstem Leser wurde.
Otto reagierte prompt und antwortete ausführlich, ohne mit dem Eindruck hinterm Berg zu halten, hier sei der Autor „seiner bisherigen Eigenart untreu geworden“: „An deinem Schulmeisterlein“, so Otto resümierend, „weiß ich schlechterdings nichts zu tadeln, als daß es manchmal zu gut gerathen ist und daß Du, um es so zu machen, dich selbst hintergangen zu haben scheinst.“
Die auffallende Selbstgenügsamkeit des Wuz (wie er ursprünglich benannt war) erklärte sich Otto mit sicherem Gespür für den Jean Paulschen Wesensanteil an der Subtilität des Erzähltextes aus einer „vorhergehenden Unglückserfahrung“: „Eine solch ruhige Stimmung“, schrieb er dem Autor, „scheint ohne einiges erlittene Ungemach nicht möglich zu sein, wenigstens dieße uneigensüchtige wohlwollende Teilnahme an andern, dieße Resinazion ohne Bitterkeit gegen andere scheint sich ohne dasselbe nicht erzeugen zu können.“
Auch für den Ort der Handlung, der in vielen Details und Färbungen Joditz erkennen läßt (einmal sogar wörtlich so vorkommt), erfand Otto – es Jean Paul wohlbegründet anratend – den sprechenden Namen Auenthal. Kein Wunder, daß der Freund den Freund in schöner nachdrücklicher Erzählklugheit auffordert, neben ihm auf der Armlehne seines Sessels, aus dem heraus erzählt wird, Platz zu nehmen.
So hat der Gewährsmann für uns, die wir lesend zu Eingeweihten werden, immer auch den Gewährsmann seiner Wahl beiseit. Wir sind also doppelt und dreifach versichert, daß uns mit dieser Jean Paulschen „Idylle“ ein wahres episches Kleinod, eine Erzählrarität sondergleichen überlassen wird; ein Textgebäude, das bei Erscheinen zunächst kaum jemand aufmerken ließ, heute aber als eine der avanciertesten und wohl auch populärsten Wortarchitekturen dieses Autors gilt.
„Ich habe blos so viel Seiten geschrieben bis ich den Schulmeister tod hatte“, schrieb Jean Paul am 12. März 1791 frozzelnd an Otto, dem so den zweiten Teil des Manuskripts spedierend. Ausgebreitet wurde hier in einer „Art Idylle“ das beispiellos beispielhafte Leben und Sterben des Landlehrers Maria Wutz, einer Menschen-Schönheit und -Seltenheit von imponierender Wucht und Unauffälligkeit zugleich, der sich – süchtig nach Unabhängigkeit, ohne dadurch andere in Abhängigkeit drängen zu wollen – stillvergnügt seine private Bibliothek selber schreibt, ein Habenichts und Alleshabender, ein Armeleutekind und Glückskindkünder, ein Frohgemuter, der als Dauermelancholiker von Herzen lachen kann – und einer schließlich, von dem sein Schöpfer aus deckungsgleicher Erfahrungsvielfalt abzuleiten vermag, daß er jemand war, von dem man sagen kann: „Als er noch das Leben hatte, genoß er es fröhlicher als wir alle.“
Von Beginn an, das ist immer klar, ist diese „Art Idylle“ nicht als ein Vorort Krähwinkels mißzuverstehen, kein Rosenbeet unter rosa Schaumstoffwolken, sondern immer schon brüchig, todesnah. Nachvollziehbar stellt Jean Paul den Bezug her zur historischen Darstellung der Sieben Alter des Menschen im legendären Orbis pictus. Es solle, so wird uns als Leser bedeutet, „mit dem Schulmeisterlein langsam in den drei aufsteigenden Zeichen der Altersstufen hinauf und auf der andern Seite in den drei niedersteigenden wieder hinab gegangen werden – bis Wuz“, so der fabulöse Erzähler, „am Fuße der tiefsten Stufe vor uns ins Grab fällt.“
„Und wenn Sie am Ende der Welt wären, und müßt ich hundert Stürme aushalten, um zu Ihnen zu kommen, so flieg’ ich in Ihre Arme – Wo wohnen Sie? Wie heißen Sie? Wer sind Sie?“ So jubelte Karl Philipp Moritz, nachdem er ins Manuskript der noch unvollständigen ersten Fassung von Jean Pauls erstem romanhaften Großwerk Die unsichtbare Loge hineingeschnuppert hatte: „Ihr Werk ist ein Juwel ...“ steigerte er sein Lob – und zuvor schon hatte er seinem jüngeren Bruder berichtet: „Das begreife ich nicht, das ist noch über Goethe“, traute sich der Goethe-Freund Moritz zu rühmen: „ ... das ist ganz was Neues.“
Wohl mehr als ein Jahr lang hatte Jean Paul Friedrich Richter, wie er zu diesem Zeitpunkt noch immer hieß – und mit diesem Namen ein landesweit Unbekannter war, an dieser „Romanruine“ (Günter de Bruyn) von bald 400 Seiten gearbeitet (den Wutz noch gar nicht mitgerechnet) – und so fast täglich neben seiner Unterrichtstätigkeit kraftraubend Zähigkeit und Zuversicht auf die Waagschale gewuchtet. Und nun reihten sich mehr und mehr Fürsprecher und Eiferer links und rechts seines Weges.
Bald auch folgten dem Fragment der Unsichtbaren Loge der neue Roman Hesperus oder 45 Hundstage (1795); ein Werk, das im Nu zum größten literarischen Erfolg seit Goethes Werther wurde. Und jetzt, seit der Veröffentlichung der Loge, prangte auf Werken des Meisters aus Franken endlich auch der in Verbeugung vor seinem Vorbild Jean Jacques Rousseau gewählte Autorname Jean Paul.
1796 besuchte Jean Paul auf Einladung seiner Verehrerin Charlotte von Kalb erstmals Weimar, zwei Jahre später zog er dorthin und wurde durchaus respektvoll aufgenommen. Lediglich das Verhältnis zu den Platzhaltern Schiller und Goethe blieb kühl, abweisend, distanziert.
„Jean Paul ist doch zuweilen unerträglich, und wird noch unerträglicher werden, wenn er nicht bald dahin gelangt, wo er ruhen muß“, war sich sogar Georg Christoph Lichtenberg nicht zu schade, unflätig in seinen Sudelheften zu rülpsen. – Aber ein Jahr vor seinem Tod findet sich die Briefnotiz: „Ein Schriftsteller wie Jean Paul ist mir noch nicht vorgekommen, unter allem, was ich seit jeher gelesen habe. Eine solche Verbindung von Witz, Phantasie und Empfindung möchte auch wohl ungefähr das in der Schriftsteller-Welt sein, was die große Konjunktion dort oben am Planeten-Himmel ist. Einen allmächtigern Gleichnis-Schöpfer kenne ich gar nicht.“
„Der alte Vorwurf der Vergoldung des Elends und der Preisung des kleinen Glücks im Winkel trifft dieses kuriose Erzählwerk nicht“, betont nuanciert ein Rezensent der C. H. Beck-Einzeledition des Wutz von 2012, die Beatrix Langner kundig kommentiert. Ähnlich gibt es das Taschenbuch bei Suhrkamp/Insel mit einem originellen und meinungsfreudigen Nachwort von Peter Bichsel (erschienen 1995). Und etliche andere Platzierungen dieses Textes mehr (nicht zuletzt jene – kommentierte – Fassung in der mehrbändigen Werkausgabe des Hanser Verlages/Zweitausendeins, herausgegeben von Norbert Miller, die jedoch in den umfangreichen Anmerkungen zum Wutz leider nicht frei von Fehlern ist).
Aber wirklich neu und buchschön ist aktuell nur die liebevoll arrangierte Ausgabe Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal – Eine Art Idylle, ergänzt um sechs Jean Paul-Portraits von Peter Marggraf, erschienen als Band 13 der Reihe i libri bianchi in der San Marco Handpresse, für die der Bildhauer, Maler, Zeichner, Grafiker und Buchgestalter Peter Marggraf seine opulenten schöpferischen Talente ausbeutet.
Die bibliophilen Bücher der San Marco Handpresse (und ganz besonders auch die Bände der vorerwähnten weißen Reihe) sind auf eine originäre Weise an die Kunst und ästhetischen Normierungen Marggrafs gekoppelt: Angestrebt (und verwirklicht) ist hier in aller Regel eine Präsentation zweier – im Idealfall gleichwertiger – Disziplinen. Text und Bild ergänzen sich, sind aus gleichwertigen Welten herkünftig. Überzeugend ausgeführt zum Beispiel in der Reihe i libri bianchi zu Büchners Woyzeck und Lenz. Exzellent und jeden wahren Buchkunstfreund beglückend auch die Sonette aus Venedig des August von Platen, die Peter Marggraf mit flirrend verrätselten Fotografien ergänzt hat, hergestellt mit einer 100 Jahre alten Plattenkamera, deren Kassetten nicht mehr ganz lichtdicht waren; ein Defekt, der sich nun als wahrer Kunstgewinn erwiesen hat.
Neu beim Wutz von Jean Paul ist hier die Beifügung einer sechsteiligen Serie von Radierungen (vernis mou), die entstehen, indem Peter Marggraf ausgewählte Autorportraits mit einer bezeichneten und geätzten Metallplatte überdruckt: Das ursprüngliche, im Einzelfall durchaus vielfach popularisierte Abbild des berühmten Dichters wird mit unauffällig inszenierter Raffinesse seiner Idolhaftigkeit entrückt – und so zu neuer Kenntlichkeit überführt, die zumeist auch ein verdutztes, leise jauchzendes Innehalten beim Betrachter bewirkt.