STARTSEITE  AKTUELLES  I  PETER MARGGRAF  I  BILDHAUER UND ZEICHNER  I  SAN MARCO HANDPRESSE  I  VENEDIGPROJEKT  I  I LIBRI BIANCHI  I  KONTAKT

 

    

 

I libri bianchi Band 8

Band 16
Franz Kafka
Brief an den Vater
Erschienen im Sommer 2016, gesetzt aus der
Helvetica. Im Buch sind 13 Kohlezeichnungen von Peter Marggraf
aus den Jahren 1990 wiedergegeben.

Preis: 25 Euro zuzügl. Versand
Bei einer Bestellung ab drei Büchern der Reihe werden diese versandkostenfrei verschickt (5,00 Euro versicherter Versand).

Mehr Informationen und alle lieferbaren Titel finden Sie hier 

 

 

„Leg’s auf den Nachttisch!“

Kafkas Brief an den Vater in einer bibliophilen Ausgabe der San Marco Handpresse

Von Gerd Kolter                                 

Ein Brief von über 100 handschriftlichen Seiten? Oder eher eine rigorose Selbstanalyse bzw. ein Paradefall für die versammelten Psychoanalytiker? Der Schlüssel für das gesamte literarische Werk Franz Kafkas? Oder doch ein privates Dokument, das den Biografen reichlich Nahrung bietet? Seit der vollständigen Veröffentlichung im Jahr 1952, also über dreißig (!) Jahre nach der Entstehung, wurden zum Teil erbitterte Kämpfe um die Deutungshoheit über diesen Text ausgetragen und dennoch hat anscheinend bis heute keine Fraktion einen entscheidenden Sieg vermeldet. Dies kann eigentlich nur eines bedeuten: Dieser Brief kann nicht eindeutig sein – ganz im kafkaschen Sinne, und das haben wir doch im Grunde gewusst.
  
Als Kafka diesen Brief 1919 während eines Kuraufenthalts in Schelesen (Nordböhmen) schrieb, stand er zweifellos unter dem unmittelbaren Eindruck der ablehnenden Haltung des Vaters gegenüber seiner geplanten Verlobung mit der für ihn nicht standesgemäßen Julie Wohryzek. Kafka selbst war sich seiner eigenen ambivalenten Haltung gegenüber Julie wohl bewusst: „… eine gewöhnliche und eine erstaunliche Erscheinung […] im ganzen sehr unwissend, mehr lustig als traurig“ (aus einem Brief an Max Brod). Dennoch lieferte Hermann Kafkas abschätzige Reaktion („Sie hat wahrscheinlich irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen …“) wohl die Initialzündung für den Sohn, im Rückgriff auf frühere Notizen im Tagebuch sein Verhältnis zum Vater grundlegend zu analysieren und sich dabei  aus der Deckung zu wagen. Die ursprüngliche Absicht, den Brief tatsächlich seinem Adressaten zukommen zu lassen, trat dabei wohl mehr und mehr in den Hintergrund. Die sich hartnäckig haltende Information, Kafka habe den Brief seiner Mutter gezeigt und diese habe ihn bestürmt, ihn nicht abzuschicken, hat sich inzwischen als nicht belegbar erwiesen.
  
Auf der einen Seite wird der reale Vater immer wieder direkt angesprochen und es gibt ganz konkrete Verweise auf das Familienleben, andererseits wird schnell deutlich, wie der Sohn den Vater überhöht, zur gottähnlichen „letzten Instanz“ erklärt, während er sich selbst klein und kleiner macht. So wird der Text von Anfang an zum „Advokatenbrief“ (Kafka an Milena Jesenská), der mit Tricks und Kniffen arbeitet. Dieses Durchschauen, die Distanzierung mit Hilfe der Perspektive macht den Sohn aber nicht zum Sieger in der „Beschreibung eines Kampfes“ (so der Titel der ersten erhaltenen Erzählung); denn gerade der Kampf mit der Vaterfigur wird  bitterernst: Nicht wie es war, sondern wie es vom Unterlegenen erlebt und verinnerlicht wurde, sich festgesetzt hat, wird zur bildkräftigen Wirklichkeit. Nicht umsonst schildert Kafka ausführlich zwei solcher Erinnerungsbilder: einmal, wie der Vater das kleine Kind aus nichtigem Anlass nur mit einem Hemdchen bekleidet eine Zeitlang auf der Pawlatsche (Balkon) aussperrt, das andere Mal, als beide sich vor dem Schwimmen ausziehen, also fast nackt machen, wobei sich das Kind als „kleines Gerippe“ empfindet, den Vater als „stark, groß und breit“, der ihm noch dazu die „Schande des öffentlichen Auftretens“ (!) nicht erspart. Wieder und wieder wird im Folgenden das Thema der (Lebens-)Angst, ausgehend von solchen realen Erlebnissen, in übermächtige Dimensionen gesteigert. Nicht umsonst spielt es auch in den Briefen an die Geliebte Milena eine zentrale Rolle, jene Frau, die ihm wohl als einzige intellektuell gewachsen war und der er schließlich auch den Brief an den Vater überließ. Letztlich wird die Vater-Imago für das Scheitern aller Versuche verantwortlich gemacht, sich zu emanzipieren, ein eigenständiges Leben zu gewinnen, sei es in den Heiratsversuchen, in der Berufswahl, im Judentum, sogar im Schreiben: „Mein Schreiben handelte von Dir […]. Es war ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied von Dir, nur daß er zwar von Dir erzwungen war, aber in der von mir bestimmten Richtung verlief.“
  
Und dennoch: Dass Kafka eben kein schlechter Schüler war, wie er im Brief behauptet, und bei seinen Arbeitskollegen und Vorgesetzten hoch angesehen, dass die Zweifel an seinem literarischen Können ihn sein Leben lang begleiteten, auch nachdem er sich thematisch mehr und mehr von den übermächtigen Vater-Instanzen gelöst hatte, das und manches andere zeigt, wie stark er in seinen Erinnerungen auch sich selbst auf das Vaterbild  projiziert. Diese Erkenntnis könnte beim Leser schnell dazu führen, dass er sich wissend über den Autor stellt und sich dabei überhebt. Denn Kafka weist sehr wohl selbst auf diese Dialektik hin: „Du verstärktest nur, was war, aber du verstärktest es sehr …“.  Und er lässt sogar am Ende den Vater selbst zu Wort kommen, allerdings wiederum gebrochen, nämlich in Aussagen, die der Sohn ihm zuschreibt.
  
Zweierlei ergibt sich meines Erachtens daraus: Eine Reduzierung des Briefes auf Fundstellen für die private Biografie verkürzt ihn in ebenso unzulässiger Weise wie die alleinige Deutung als Interpretationsschlüssel für Kafkas literarisches Werk. Was aber anfangen mit dieser Anklage? Ist es nicht auch für uns heutige Leser ein Wiederkennungstext, der die Vater-Sohn-Problematik ebenso bildlich wie logisch argumentierend präzise auf den Punkt bringt? Auch wenn die patriarchalische Familienstruktur vom Anfang des 20. Jahrhunderts sich heute stark verändert hat, bleiben doch die Grundprobleme von Emanzipation und Selbstbehauptung bestehen. Und noch weiter gefasst: Die Gefühle von Angst und Ohnmacht, die den ganzen Brief hindurch immer wieder eindrücklich geschildert werden, sind in der sogenannten modernen Lebenswirklichkeit nun wahrhaftig nicht geschwunden, seien sie nun verursacht von übermächtigen Instanzen oder verankert im eigenen Selbst.
  
Peter Marggraf hat diesem Band  13 reproduzierte Kohlezeichnungen beigegeben, die 1990 entstanden sind. Obwohl ohne Titel, sucht man natürlich sofort nach Korrespondenzen mit Kafkas Text und man findet sie zuhauf, allerdings nicht in der erwartbaren Konstellation einer übermächtigen Vaterfigur mit einem hilflosen, unterlegenen  Sohn. Denn mit einer Ausnahme schauen wir auf Brust- und vor allem Kopfbilder einer einzelnen Person; deren Konturen ergeben sich aus  ungeordneten, dicken Strichen, die sich um Kopf und Körper zu einer fast durchgängigen Schwärze verdichten. Je nach Perspektive scheinen die Figuren einmal aus diesem Strichgeflecht herauszuwachsen, dann aber wieder dadurch eingehüllt oder gar bedrängt zu werden, ganz im Sinne des kafkaschen Textes. Die Schwärze der Kohle wirkt ja allein schon bedrohlich; verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass die Zeichnungen fast ganzseitig reproduziert wurden. Besonders das Titelblatt springt schon durch seine Größe den Betrachter regelrecht an. Bei den Kopfbildern wird er aber auch durch die Betonung des Auges noch stärker festgehalten, obwohl es nie direkt auf ihn gerichtet ist, sondern nach links oder rechts schaut und, wie mir scheint, immer in Erwartung dessen, was an Ungewissem auf ihn zukommen mag.